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Archiv für den Monat März 2003

Gestern war in meiner Stammdisco eine sogenannte Revival Party, auf der man versucht hat, den Laden wiederaufleben zu lassen wie er vor 15 bis 20 Jahren mal war. Mitte der 80er hatte er unter einem anderen Namen eine Hochzeit. Durch Mundpropaganda und ein bisschen Werbung hatte sich die Veranstaltung herumgesprochen, und als wir um viertel nach zwölf aufliefen, konnte man schon an den gefüllten Parkplätzen sehen, dass drinnen die Hölle los sein musste, was alle 5 Anwesenden im Auto in großes Erstaunen versetzte. Wir dachten, es würde eh keiner kommen und man würde einen schönen ruhigen Abend bei ein paar Bier verleben, doch insgesamt werden gestern wohl so an die 1000 Leute durch die Disco flaniert sein, drei Stunden vor Schluß war das Beck’s alle, 4 Stunden vor Schluß musste die Küche schließen, weil alles restlos weg war. Ich fühlte mich zwischen den Leuten nicht unwohl, obwohl ich wahrscheinlich im Durchschnitt 15 bis 20 Jahre jünger war, doch ein Spruch gab mir zu denken: Als wir den Laden betraten, beeilte ich mich zur Toilette, kam dabei an einer Gruppe älterer Gäste vorbei, die mich – wohl auch aufgrund meines Outfits – etwas sparsam anschauten und als ich gerade an ihnen vorbei war, hörte ich mit dem rechten Ohr: „Jetzt kommt das Jungvolk.“ Das machte mich wirklich stutzig, weil ansonsten ich immer derjenige bin, der in der Disco steht und denke: Mann, was sind die alle jung.

ich lebe wieder weg
klarkommen mit der sprache und der sache an sich
an sich der sache klar
sehen was der film hergibt
sagen was ansteht
leben sagen was das soll
himmelblau, grau, tau und schnee
maria, josef und ihr kind, ihr sohn
real, was haben wir hier
schneiden, gehen, fahren, viel und weit weg
geht auf der strasse ein mann und schimpft sich selber zu
wieder zu, wieder zu sein, wieder zu sein und dich
kamera, schnitt, foto, zahlen, ich sehe nichts klar
uhr, zeit, ich habe keine vorstellung
weg, weg, weck mich nicht
ich muß, das mußt du sehen
lampe, rot, leuchten, farbe, haben
essentielle man
nacken tut weh, bauch tut weh,
herr doktor, sie haben mir angst gemacht
der tisch wackelt, weg, zeile für zeile
minus, plus, weg, minus minus minus
ich minus weg gleich plus glück gleich du gleich wieder wie damals
plus prozent plus gehen plus licht plus laut gleich schicksal
geht endlich
wir weg und da sind alle
bei dir sind alle da und dann gehen wir weg und sind so laut und stehen und ziehen und fliegen und träumen und lügen und betrügen
selber sind wir am besten
wie wir die lügen testen
was wir haben, wir geben, wir nehmen, wir lügen doch so sehr
ich lüge dich so sehr
was dann, was haben wir ihr du wir sie auch nicht mehr bestellt
schneiden, jetzt schneiden, tu es, wir haben eine zahl in sicht, eine zahl in sicht
wir wechseln die zahl, wir geben glas rum, wir ziehen die zahl an
fehler, korrigieren, minimieren, gefängnis, gitter, stadt, lichter und ein bus
ich sehe dich
wir gehen weg
wieder weit und weiter
was hat dich so angetan, was sticht dich, was ist in dir, wie kamst du rein
was meinst du
was meinst du damit

Dort steht Michel, ich gehe wortlos auf ihn zu und reiche ihm die Hand. Ich habe Michel noch nie die Hand gereicht, umarmt haben wir uns auch noch nie; vielleicht haben wir uns mal abgeschlagen, aber das muss passiert sein, als wir betrunken waren. Danach reiche ich auch Michels Eltern die Hand und einigen Umstehenden, von denen ich die meisten nicht kenne. Michel sieht unglücklich aus, er hat geweint, und er will mich nicht anschauen als ich ihm die Hand gebe. Seine Eltern allerdings sehen mir in die Augen, und ich kann erkennen, dass sie mich weiterhin als eine Art Mitglied der Familie behandeln wollen, so wie sie es immer getan haben und auch hier auf der Beerdigung. Ich stelle mich zu Christoph und Maik, obwohl ich mich vom Alter her ruhig zu Michels Verwandten stellen könnte. Die ganze Klasse von Michels Schwester ist anwesend und ich kann auch ihren Klassenlehrer erkennen, der zwei oder drei Meter links von mir steht. Über den Friedhof weht ein leichter aber kühler Wind, doch Wolken gibt es keine am Himmel, es ist einfach für eine Beerdigung viel zu sonnig, vor allem ist es für den Oktober viel zu sonnig. Sophies Klassenlehrer nickt mir zu und ich nicke zurück, ich hatte ihn in der fünften und sechsten Klasse in Mathematik, doch das ist nun schon über zehn Jahre her, ich glaube nicht, dass er mich noch kennt. Dann sieht er wieder auf das Loch, das in der Erde klafft und ich schaue ebenfalls dorthin. Neben dem Loch stehen vier Männer, sie werden wohl gleich den Sarg mit Michels Schwester Sophie in die Erde hinablassen und ich kann mich nicht erwehren, heftig zu schlucken und Tränen in mir aufsteigen zu spüren. Unter Alkoholeinfluss werden manche Menschen sehr rührselig. Trotzdem bin ich überzeugt, dass ich auch ohne den sich langsam abbauenden Pegel der vorigen Nacht weinen würde. Ich hatte Michels Schwester gemocht und ein paar Mal versucht, mich in sie zu verlieben aber es hatte nie richtig geklappt.

Arovane „Atol Scrap“
System of a Down „Toxicity“
Placebo „Without you I’m nothing“
V.A. „Morr Music – Blue skied anŽ clear“
Múm „Please smile my noise bleed“
Thursday „Full collapse“
Taking Back Sunday „Tell all your friends“
Stephen Malkmus & The Jicks „Pig lib“
B. Fleischmann „A choir of empty beds“
Sparta „Wiretap scars“

Am nächsten Morgen wachte ich bei Michel im Keller auf, ich war nicht mehr nach Hause gegangen, ich wachte allerdings auch nicht in Sophies Zimmer auf. Als ich mich aufrichtete, kam Michel rein und sagte: „Alles klar? Brauchst du einen Eimer?“ Ich ließ mich zurückfallen, rieb mir die Stirn und sagte: „Nein, danke, alles okay, aber wenn du diese Aspirin Migräne noch hast, dann hätte ich jetzt gerne eine.“ Eine bedeutete zwei Brausetabletten im Aufreißpäckchen. Ich richtete mich erneut vom Sofa auf, stellte die Füße auf den Boden und schnaufte laut. Michel kam mit der Tablette und einem Glas Wasser zurück und drückte beides in meine Hände.
„Hier bitte“ sagte er und setzte sich neben mich. Ich riss das Päckchen auf, und ließ die beiden Tabletten in das Glas fallen. Beim Auflösen fragte mich Michel:
„War Nadine eigentlich gestern sauer, dass du so besoffen warst? Ich meine, weil sie so früh abgehauen ist.“ Er zog sich seine Schuhe an und versuchte einen Überblick zu bekommen, wo er anfangen sollte, aufzuräumen.
„Nein, sie war müde und Jenny und Lisa waren auch schon weg. Aber sauer war sie wahrscheinlich auch.“ Natürlich ließ ich alle Beschwerden darüber, wie langweilig die Party angeblich war, aus.