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Archiv für den Monat Juni 2003

Ich merke an seinen Mundbewegungen, dass er nicht weiter weiß, dass sein Bild, welches er nach außen hin abgibt, sich jetzt ändern wird. Er schüttelt seinen Kopf und hebt seine Hände zu einer abwehrenden Geste. Er könnte aufstehen und flüchten, aber dann müsste er durch die ganzen Leute durch, die um unseren Tisch herumstehen, und das will er jetzt nicht riskieren. Er könnte viel zu lange brauchen, um aus meinem Blickfeld zu verschwinden und das wäre kein guter Abgang. Ich sage: „Die Frage ist, wie du diese Zeit im Nachhinein bewerten wirst. Was jetzt passiert, ist egal. Aber du wirst morgen darüber nachdenken, was heute passiert ist. Und dann soll es dir ja nicht schlecht gehen. Genauso wirst du in fünf Jahren nachdenken, was jetzt passiert. Und dann willst erst recht nicht schlecht darüber denken.“ Ich will nicht mehr darüber reden und habe Mühe, bei den ganzen Anschuldigungen nicht das Bewusstsein zu verlieren. Er ist jetzt wütend und sagt: „Vielleicht merkst du eines Tages, dass das alles schon mal gesagt worden ist, die ganzen Weisheiten, die du heute von dir gegeben hast. Was ist denn mit dir?“ Ich versuche mit einem Lächeln die Frage zu beantworten und merke, dass ich für diesen Abend gewonnen habe. Er wird mich heute nicht mehr nach mir fragen.

Ich liebe ja Leute, die „total spontan“ sind. Besonders liebe ich die Leute, die einem das jeden Tag erzählen müssen, wie „total spontan“ sie waren, sind und noch sein werden. Diese Leute erzählen am liebsten ganz begeistert davon, dass sie niemals eine Tagesplanung hatten, keine haben und nie eine haben werden. Das könnte dann ja so „unglaublich spontane“ Unternehmungen, wie mit der Freundin/dem Freund ins Café gehen, stören. Oftmals geht die Erzählung über „spontane Unternehmungen“ einher mit der Benutzung des Wortes „verrückt“. Diese Leute machen nämlich am liebsten „ganz verrückte“ Sachen, wie T-Shirts bunt bemalen und barfuss durch die Stadt laufen. Diese Leute machen dann auch diese unsäglichen „Überraschungsbesuche“. Hi, wir waren gerade in der Nähe und dachten „ganz spontan“, wir schauen mal rein. Die Höflichkeit verbietet einem aber dann dieser Unverschämtheit mit einem Tritt heimzuzahlen, und man bittet die ungebetenen Gäste, die man sonst mit Voranmeldung wahrscheinlich sogar gern empfangen hätte, herein.
Leute, die „ganz spontan“ sein müssen, meistens ihr Leben lang, sind ganz arme Schweine. Keine Planung bedeute ganz große geistige Leere und Armut. Wenn man weiß, woraus man besteht und in Zukunft bestehen will, kann man ein bisschen planen. Wenn man nichts über sich und mit sich anzufangen weiß, muss man „spontan“ sein.

Szene 1:
Ich komme in den Marktkauf, vor mir gehen eine Mutter und ihre beiden Töchter (ca. sechs und acht Jahre alt) in den Laden, die Kinder wollen unbedingt einen Wagen nehmen, die Mutter will das nicht, wahrscheinlich weil sie nicht so viel kaufen muss, und sagt:
„Nein, wir nehmen keinen Wagen, ihr könnt da eh nicht mehr oben drinnen sitzen, dafür seid ihr schon zu groß.“
Daraufhin die jüngere Tochter: „Dann rutschen wir eben ein paar Jahre zurück.“

Szene 2:
Ich komme bei den Spirituosen an einem Stand vorbei, wo man Wein probieren soll. Die Dame dahinter sagt: „Möchten Sie auch mal probieren, junger Mann?“ Ich lehne dankend ab, lächle aber, weil sie mich einen jungen Mann genannt hat.

Szene 3:
Bei der Milch kommt mir ein Mädchen entgegen, mit der ich zusammen auf einer Schule war. Damals haben wir uns gehasst, unsere beiden Cliquen haben sich gehasst und man ist sich aus dem Weg gegangen. Heute grüßt sie mich freundlich, als wären wir gute Bekannte gewesen. Kann ich nicht verstehen, sie ist bestimmt immer noch so hohl wie früher und ich könnt sie gut weiter hassen.

Heute nacht habe ich zuerst geträumt, dass ich auf einem Festival war. Dieses Festival war aber gleichzeitig so eine Art Strand, zumindest waren die Zelte alle auf Deichen angelegt, die Deiche selber waren wie Stücke Kuchen auseinandergeschnitten und schwankten hin und her. Damit sie nicht zu Staub zerfielen, hatte jeder Deichabschnitt ein eigenes Bewässerungssystem. Wenn der Deich zu sehr zu schlingern anfing, so wusste man, dass er zu wenig Wasser bekam und dann musste man in einen unterirdischen Schacht kriechen, um das zu regeln. An die Handlung des Traums kann ich mich nur vage erinnern, ich musste aber wieder einmal durch irgendwelche enge Tunnel oder Öffnungen kriechen.
Im zweiten Teil stand ich in meinem Zimmer und stritt mich mit meinen Eltern. Ein befreundetes Ehepaar von ihnen war auch dabei und alle redeten sie auf mich ein, was für ein undankbares und nutzloses Kind ich doch sei. Während sie das taten trugen sie immer mehr Möbel in mein Zimmer und versperrten mir den Ausgang. An einem Punkt des Traumes zeigte mein Vater auf ein Poster in meinem Zimmer und sagte in einem sehr anklagenden Tonfall : „Was soll das denn sein?“