Archiv

Archiv für den Monat Juli 2003

Ich wollte heute einmal nein sagen, ich habe mir ins Gedächtnis gerufen, dass es letzte Woche hier total scheiße war, langweilig und nervend, doch jetzt ist es Abend geworden und wenn ich an die Weile denke, die ich vor dem Einschlafen wach liegen werde, bekomme ich Angst. Besser ich gehe schlafen, wenn ich sehr sehr müde bin, und wenn die Vernunft mir sagt, dass ich jetzt doch wirklich mal schlafen gehen sollte. Dafür sollte es auch vielleicht schon wieder hell werden. Aber wenn ich nachher losfahre, muss ich aufpassen, dass ich auch wirklich Richtung OS fahre, denn ansonsten fürchte ich, einfach weiter nach Süden zu fahren, immer weiter, 400 km weit.
Als Begleitung wird heute abend einmal wieder GY!BE fungieren, die an- und abschwellenden Gitarrenwände passen gut zu den immer wiederkehrenden Gedanken und Erinnerungen, die in mir sind. Ihr Albumtitel Lift Yr Skinny Fists Like Antennas To Heaven erinnert mich jetzt immer wieder daran, dass Hände wie die beweglichen Kontakte zu anderen Menschen sind. Hände können so viel bedeuten.

Advertisements

Ich kann keinen zusammenhängenden Gedanken mehr fassen, weil ich das Gefühl habe, ständig abgelenkt zu sein, also denke ich über etwas nach, merke, dass mich etwas ablenkt, und versuche dann die Ablenkung zu begreifen und auszuschalten, aber das geht nicht, weil selbst die Ablenkung als Nullwert im Vergessen verschwindet.
Das alles soll dann das zerbrechliche Gerüst meines Alltags halten, aus dem selbst die Eckpfeiler wie Routine und Höflichkeit verschwunden sind. Ich renne nicht aufgekratzt und nervös durch die Gegend, seit drei Tagen schlafe ich sehr viel. Nachts acht Stunden, nachmittags drei Stunden, zwischendurch döse ich für eine halbe Stunde ein. Ich kann mir das nur so erklären, dass mein Gehirn die Sicherung rausfliegen lässt für ein bisschen Ruhe.

Nur einmal würde ich ihm richtig weh tun wollen, einmal nur, so dass es ihm richtig schlecht geht. Er kommt zu mir und holt sich seine tägliche Dosis Aufputschfertigmachen ab, zieht sich an mir hoch, in dem er mich runterdrückt. Und was bin ich? Froh, wenn er einmal ernsthaft interessiert scheint. Man müsste es schaffen, ihn sich so ausgeschlossen und so minderwertig fühlen zu lassen, dass er sich endlich ernsthaft die Frage stellt, warum man ihn so behandelt. Ihm gegenüber wütend zu werden oder genervt zu erscheinen hat keine Wirkung mehr, das prallt an ihm ab, dann macht er auf Mitleid, oder er lacht, wie man über ein kleines trotziges Kind lacht, wenn man als Elternteil nicht gelernt hat auch seinen Kindern gegenüber Respekt zu empfinden. Heute nacht träumte ich, ich stände vor ihm, würde an einem Tisch rütteln und schreien: „Du hast mich kaputt gemacht!“

Heute nachmittag habe ich geträumt, dass ich ein Gegenstück zu meinem Modem hatte, das aus einer Art Wachs bestand. Es war rechteckig und je nachdem, wie viele Daten aus dem Netz auf meinen Rechner übertragen wurden, entstand in der unteren Hälfte ein sternförmiges Loch und das geschmolzene Wachs lief hinunter.
Später träumte ich einen Horrortraum, den ich schon einmal geträumt habe, deswegen war er nicht ganz so Horror. Einem Schleichweg, der zu unserem Haus führt parllel verlief eine Art Achterbahn, in der ich und noch jemand saß, den ich nicht erkennen konnte. Eigentlich war das auch egal, denn als wir an der Endstation ankamen, verschwand das Gesicht der Person, damit meine ich, dass die Haut weg war und ich nur noch das pure Fleisch erkennen konnte. Kurz danach passierte mit meinem Gesicht das gleiche.

Das Zurückkommen wird mir schwer fallen, denke ich und schalte hoch in den 5. Gang, ein kurzer Blick auf das Ortsausgangsschild, Walsrode noch 8 km. Wie habe ich mein Zimmer verlassen, mit einem Blick zurück und etwas unaufgeräumt.
Kurz danach: draußen am Bahnhof scheint mir die Sonne ins Gesicht und ich denke, dass die Wettervorhersage wieder einmal gelogen hat. In der Hand halte ich einen Strassenatlas und ausgedruckt zwei Beschreibungen, eine zum Naturpark Sandheide und eine zum Steinhuder Meer. Da wollen wir hinfahren, vielleicht, konzentrieren kann ich mich auf die Wegbeschreibungen nicht mehr, lege sie zurück ins Auto und gehe, die Hände in den Taschen, auf und ab. Den ganzen Weg über hatte ich die Probe im Kopf, wie machen wir das demnächst, jetzt denke ich nicht mehr daran, schaue noch einmal hoch in die Sonne, drehe mich um, und die Augen spielen mir einen Streich, zaubern eine Person in mein Gehirn, die gar nicht da ist, aber ich rede mit ihr, stottere, verhaspele mich, räuspere mich und bin gar nicht mehr Herr meiner Sinne, völlig unfähig noch irgend etwas zu steuern.
Dieses Gefühl legt sich erst nach einer Viertelstunde, nachdem ich völlig planlos aus der Stadt raus und auf die Autobahn gefahren bin. Nein, hier will ich nicht sein, überhaupt nicht, viel zu laut. Ich plappere die ganze Zeit wie ein kleines Kind und merke, dass ich ihr gar nicht in die Augen schauen kann, vermutlich, weil ich danach nie wieder in irgendwelche Augen schauen will. Ich fahre ab, kenne mich kein bisschen aus, weiß nicht wo ich bin, sehe aber, das links die Straße von wunderschönen Feldern gesäumt ist, da stehen Windräder und da ist ein Weg. Endlich Ruhe, wir steigen aus, gehen los und reden.
Als nächstes sehe ich meine Hände in ihren, mein Gesicht in ihren Augen und alles andere aus mir in ihr. In den nächsten Stunden werde ich immer jünger, wenn man Kind ist, wird man im besten Fall viel geliebt, getröstet und umarmt.
Nachdem ich sie geküsst habe legt sich eine Bitterkeit auf den Tag, er wird dunkler, ich bin unangreifbar aber sie nicht, für sie ist jetzt alles schlimmer.
Sie: „Die Situation macht mich kaputt.“
Ich: „Ich weiß.“
Und damit möchte ich alle Schuld von ihr nehmen, doch das kann ich nicht.
Das Spiel ist aus, der Spaß vorbei, der Tag auch, schade für uns beide, aber jeder hängt wieder eigenen Gedanken nach und überschattet scheint das Ganze vom Kuss, der mich frei gemacht hat, doch wie habe ich sie in die Ecke gedrängt.
Danach verlangt die Umgebung Konzentration, lenken, schalten, Acht geben. Innerhalb weniger Kilometer liegt die Ruhe und gleich daneben eine Uhrzeit.
Danach sehe ich, wie sie sich von mir entfernt, ich fahre rückwärts, in meinem Ohr stellt Thom Yorke die Frage, ob ich denn so ein Träumer sei, dass ich meine, die Welt richtig stellen zu können. Aber ich kann ihm jetzt nicht antworten.
Als Abschied heben wir beide die Hand, danach setzt mir die Erinnerung die Pistole auf die Brust und ich flehe sie an, mich nicht so zu quälen, alle Masken versuchen sich wieder, auf mein Gesicht zu setzen, doch da ist im Moment kein Platz für Masken, versteinert schaue ich durch die Windschutzscheibe auf die Straßen, mein innerer Vocoder lenkt das Auto und ich merke, dass ich den Text mitschreie.
Wieder an dem Haus angekommen auf dessen Klingelschild mein Name steht, sehe ich mich selbst die Tür öffnen und mich fragen: „Wo warst du den ganzen Tag?“

Probe heute zu dritt, G. und A. und ich, M. ist noch in Braunschweig, er kommt aber diesen Mittwoch her. Nächste Woche also defintiv Probe vollzählig. Wir betreten den Proberaum, A. und G. schließen ihre Gitarren an, ich setze mich hinters Schlagzeug und umwickele die neuen Sticks mit schwarzem Gewebeband, sie sollen nicht sofort kaputtgehen so wie die mitgelieferten Sticks. Wir spielen ein bisschen herum, die Zeit vergeht sehr schnell, wir spielen keine von unseren alten Sachen, nur neues. Mal wieder. G. meint dann, dass wir einen neueren Song spielen sollten, „As I Speed“, den wir mit M. noch nie geprobt haben, was wir demnächst mal tun sollten. Zum Schluss wird das Lied ziemlich laut, dieses Mal waren wir allerdings nicht so laut wie bei der letzten Probe. G. kommt dann noch mit einer schönen verfremdeten Drum-Sequenz auf seinem Korg Z-1 um die Ecke, danach packen wir schnell zusammen, stehen noch kurz draußen und fahren dann. Ich war trotzdem nicht richtig zufrieden, irgendwie fehlen mir jetzt doch sehr gute Becken.
Und wir müssen wieder vollzählig proben.