Morgenkaffee

Die Küche war zweckentfremdet worden, vollgeatmet mit Rauch, auf dem Tisch ein Aschenbecher, zwischen den Fingern der drei Menschen im Raum eine Zigarette. Er konnte niemandem im Raum in die Augen sehen, links seine Freundin die so rauchte, dass er am liebsten angewidert die Mundwinkel verzogen hätte, sie sog den Rauch ein als wäre es lebenswichtig die giftige Luft in die Lungen zu ziehen. Rechts ihre Mutter, die im Morgenmantel in einer Zeitung las. Er hätte am liebsten gekotzt als er auf die Essensreste sah, auf denen jetzt Zigarettenrauch klebte. Niemals hätte er jetzt noch was von dem Teller gegessen. Bevor diese ganze unnütze Wut, die er sowieso nur zur Ablenkung zuließ, sich in seinem Kopf richtig entfalten konnte, drückte er seine eigene Zigarette einfach im Aschenbecher aus.
„Was macht ihr denn heute“, fragte ihre Mutter, nicht ahnend, dass diese Frage inzwischen so wichtig geworden war, sie jeden Morgen auftauchte, er panische Angst davor hatte. Seine Freundin schaute ihn jetzt an. Aber er schaffte es hart zu bleiben. Mit diesem Sie-Nicht-Anschauen war es klar. Er wollte provozieren, sie spüren lassen, dass sie jetzt doch endlich mal was sagen sollte.
„Wir gehen wieder ins Bett“, sagte seine Freundin und rauchte die Zigarette jetzt bis zum Filter und er stellte sich vor, sie gleich zu küssen, als würde er einen Aschenbecher auslecken. Es reichte.
„Ich fahr gleich erst mal nach Hause, ich glaube, ich muss ein paar Sachen erledigen“, sagte er. Wie durchschaubar dieser Satz war, fiel ihm an dem Blick auf, den er aus den Augenwinkeln bemerkte. Sie waren schon so lange zusammen, da machte man keine unklaren Aussagen über „Dinge, die zu erledigen waren“, es sei denn, ein Geburtstag oder Feiertag stand bald an, und man wollte damit andeuten, dass man sich um ein Geschenk kümmern müsste. Aber es war Anfang März und ihr Geburtstag war Ende November. Außerdem stand diese Aussage in krassem Gegensatz zu dem, was sie anscheinend vorhatte.
Er hatte jetzt aber keine Lust auf irgendwelche Zweideutigkeiten, die ihre Mutter wissen lassen könnte, dass man jetzt wieder „ins Bett“ gehen würde, und überhaupt hätte er ja jetzt seine Pläne umschmeißen sollen, denn sie hatten ja Urlaub und was ist da schöner als nach dem Frühstück mit seiner Freundin zurück ins Bett zu gehen. Er hatte allerdings viel lieber Lust, den letzten Rest der Winterluft zu atmen, draußen allein auf der Straße entlang zu gehen, den Kragen hochgeschlagen, die Hände in den Taschen.

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