Archiv

Archiv für den Monat August 2004

Dass hinter meiner neuen Wohnung ein Friedhof ist, der dem auf dem „Eaten Back To Life“ Cover von Cannibal Corpse sehr ähnlich sieht, ist kein Zufall. Dass ich Nachbarn über mir habe, die, im Gegensatz zu meinen Nachbarn in der letzten Wohnung, eine Horde trampelnder Arschgeigen sind, ist kein Zufall.
Zuvor: Ein Telefonat verleiht dem Gedanken eine Stimme. Danach folgt ein Gang und das erste Mal wird gefragt: „Wohin ziehen Sie denn?“ – „In den Süden.“ Sagt man im Norden Deutschlands, dass man in den Süden zieht, denken alle sofort, dass man nach Italien geht. Man muss sagen: „In den Süden Deutschlands“, dann ist alles okay. Danach Leerlauf. Konkreter wird es vor 2 Wochen, als ich niedergeschlagen die letzte Nummer auf meiner Liste mit Vermietern und Scheiß-Wohnungsbaugesellschaften (im folgenden nur noch SWBGs) anrufe, um nach einer Wohnung zu fragen. Die Frau am anderen Ende der Leitung sagt, dass eins der möblierten Zimmer noch frei sei, da ein Interessent einfach abgesprungen ist, ohne sich noch mal zu melden. Ein längeres Gespräch und ein Termin entsteht, der darauffolgende Samstag ist warm, und in dem Vorort einer größeren Stadt ist es sehr ruhig. Wir gehen zu dem Haus, klingeln und uns öffnet ein Mann, Typ: Cabrio und Geliebte, einer aus „Das Traumschiff“ oder so. Die Vermieterin hat ein schwarzes Abendkleid an, ihre Haare sind gefärbt und hochtoupiert, ihr Gesicht stark geschminkt, an ihren Wimpern hängen Bröckchen. Sie ist die Fratze. Sie zeigt mir ein sehr kleines möbliertes Zimmer in ihrem Keller, viel zu teuer, viel zu klein, sie zeigt mir andere Zimmer, eins direkt neben ihrer Tochter, die Küche im Haus, das wie ein Museum auf mich wirkt (Ferris Bueller über das Haus seines Freundes Cameron: „Es ist sehr groß und sehr kalt. Und man darf ganz und gar nichts anfassen.“), soll ich mitbenutzen und ich will eigentlich nur noch raus aus dem Haus. Niedergeschlagen bin ich, doch die ganze Kraft läuft neben mir und lebt für mich die nächsten zwei Stunden mit. Wir essen Pommes rot-weiß, schauen Zeitungen durch und die erste Anzeige, auf die mein Blick fällt ist eine 1-Zimmer-Wohnung für 130 Euro, deren Vermieter ich sofort anrufe. Ich muss um die Wohnung kämpfen, sie ist schön, viele werden sie wollen, ich muss kämpfen. Ich kämpfe und vor allem warte ich. Eine große Erleichterung, als der Vermieter sich für mich entscheidet, ich wäre ihm ja auch von Anfang an sympathisch gewesen, danke aha. Danach wird zuhause gepackt, zusammengeräumt, ich frage mich, warum sich so viele Kisten aufeinander stapeln, ich hab doch so wenig Krams. Allerdings ist es genug Krams, dass ein Dutzend großer Kisten voll werden, aber nur sieben davon nehme ich mit. Ein Dutzend Kisten, ein Bett und ein paar andere Sachen laden wir dann in einen Transporter, fahren runter, laden in Rekordzeit aus und fahren wieder hoch. So wenig Wörter, doch darin liegt ein ganzer Tag. Doch vorher kriege ich noch mit, wie scheiße Wohnungsbaugesellschaften sein können. Der arme H.I. will meine Wohnung haben. Er will auch den ganzen Krams, den ich nicht mitnehme, übernehmen, denn er hat nichts. Gar nichts. Leider auch noch keine Arbeit, deswegen will die SWBG ihm die Wohnung nicht geben. Mir tut der arme Mann leid, und es geht sogar so weit, dass ich bereit bin, ihm erst mal meine Kaution zu überlassen, die er mir dann zurückzahlen kann, irgendwann. Doch selbst darauf geht die scheiß verfluchte WBG nicht ein und in der darauffolgenden Wohnungsabnahme durch den Herrn K. fange ich mit ihm eine Grundsatzdiskussion an, darüber wie SWBGs ihre Politik betreiben und merke, wie ich nur an seinem unerschütterlichen Gerüst aus Formularen rüttele. Er freut sich aber, dass ich wegziehe. Wir reißen Tapeten ab, sprühen sie vorher mit Tapetenablöser ein, sie sprüht, ich kratz die Tapeten ab, irgendwann ist sie erschöpft und ich frage: „Magst du abkratzen?“ Dieses Mal fahren wir endgültig runter, der Umzug ist vorbei, dies ist ein schlecht geschriebener Bericht darüber.

Nein, ich mach keine Blogpause. Zumindest keine gewollte. Ich würde ja, wenn ich könnte. Aber ich bin umgezogen. In den Süden. Wenn man im Norden Deutschlands sagt: „Ich zieh in den Süden“, dann denken alle gleich, man würde nach Italien gehen. Ich bin in den Süden Deutschlands gezogen. Ein „detaillierter Bericht“ wird folgen. Und jetzt geh ich noch weiter in den Süden. Aber nur für ein paar Tage Urlaub. Die Spaltung der Psyche wird für ein paar Tage angehalten.