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Archiv für den Monat Juni 2006

Ich kann aus der ganzen Clique der Kinder in unserer Nachbarschaft nicht der Dümmste gewesen sein; ich weigere mich, das zu glauben. Ich hab nie viel riskiert, keine großen Mutproben mitgemacht, außer einen Ziegelstein mal vom Balkon der 7. Etage des Hauses zu werfen, ohne zu wissen, ob dort unten jemand aus der Tür treten und nach draußen gehen würde. Dann habe ich mal in Schlamm getränkte Äste auf die frisch gewaschene Wäsche auf dem Wäscheplatz geworfen, beides mit dem Nachbarsjungen aus dem Erdgeschoß, mit dem ich, nachdem alles herausgekommen war, nicht mehr spielen durfte. Ich hatte auch nie so viel Spaß bei Streichen. Dieser Nachbarsjunge brachte mir auch die schlimmen Wörter bei, was dazu führte, dass ich eins dieser Wörter zu einem Freund sagte und er es meiner Schwester petzte, wobei ich eine Heidenangst bekam. Ich hatte das eigentlich gar nicht sagen wollen, aber es war einfach da. Ein neu gelerntes Wort, das ich anwenden wollte.

Irgendwie werden wir immer wieder versucht, einen dämlichen Actionfilm auszuleihen, in dem angesagte hübsche Menschen coole Sprüche aufsagen und rumballern oder beballert werden. Die Story des Films: zwei gute junge verliebte hübsche Menschen treffen zwei oberflächliche partymachende hübsche junge Menschen und beim Tauchgang finden sie so allerlei Zeugs. Unter anderem auch Kokainum – so wie Arnie in Red Heat Kokainum sagt, nachdem er einem Schläger von seinem Erzfeind das falsche Bein abgerissen und einen Stöpsel abgezogen hat und das ganze Kokain herausrieselt, und er sagt Kokainum, weil das ja in Russland spielt – und ein altes kaputtes Boot respektive ein Schamschir aus dem alten kaputten Boot. Sie wollen das Kokainum aber von den Haien aufschniefen lassen und nur das alte Boot bergen, sie versprechen sich davon Millionen. Aber ohne Ausrüstung müssen sie jedes Goldstück einzeln hochschnorcheln also wollen sie ein bisschen Kokainum verticken und damit ein anderen kaputtes Boot kaufen. Davon bekommt aber der rechtmäßige Besitzer des Kokainums was mit und zwingt sie, das Kokainum ganz unentgeltlich zu bergen. Alle stecken irgendwie mit drin, zum Schluss werden die Bösen aufgespießt, aufgefressen, in die Luft gejagt und die Guten spielen Schatzinsel. Das Blöde ist ja, dass der Film zum Schluss sogar so was wie Spannung aufbaut und gute Szenen hat, was man aus den ganzen 80 Minuten vorher nicht mehr erwartet hätte. Aber in Zukunft muss man einfach widerstehen, wenn man glaubt durch so etwas unterhalten werden zu können.

Wir frühstücken auf einer von Eltern bezahlten Terrasse mit Sonnenschirm und haben Brot, Käse, Tomaten, Orangensaft und Kaffee auf dem Tisch. Come mothers and fathers | Throughout the land | And don’t criticize | What you can’t understand | Your sons and your daughters | Are beyond your command. Ein paar Wolken sind am Himmel, aber wir lächeln und ich beiße in das Käsebrot. Your children are so hungry | That they don’t know how to smile. Der Himmel ist ganz ruhig, wir haben keine Angst. But now we got weapons | Of the chemical dust | If fire them we’re forced to | Then fire them we must | One push of the button| And a shot the world wide. Und wir denken nicht an längst vergangene Zeiten. When the Second World War | Came to an end | We forgave the Germans | And we were friends | Though they murdered six million | In the ovens they fried. Hätte man mir vor fünf Jahren erzählt, ich würde heute auf einer Terrasse in Bayern sitzen und mit meiner Freundin frühstücken, hätte ich denjenigen für verrückt erklärt. An‘ the silent night will shatter | From the sounds inside my mind, | For I’m one too many mornings | And a thousand miles behind.

Beim Tippen an der Schreibmaschine schäme ich mich und fühle mich klein. Alles ist ganz nah, auch meine Feinde, deren Definition ich jetzt gerade nicht erklären kann. Ich halte es aber für wichtig, ein Geheimnis für sich zu behalten, auch weil die meisten Geheimnisse gar nicht verstanden werden. Nachts reise ich zurück in die Jahre vor 1977, als es noch Baumhäuser und wirtschaftlichen Erfolg und sichtbaren Fortschritt gab. Die Verteilung und Verbreitung von Informationen hat alles gleich gemacht. Ich bin immer noch verrückt genug, über all das nachzudenken. Mein Gehirn ist voll Gedankensplitter, eine große Mülldeponie, meine Kindheit stinkt hervor und ist ganz rostig. In den Erinnerungen ist es immer abends und nie mittags. Niemand fand jemals auch nur irgendetwas gut, was ich früher gemacht habe. Ich hockte in meinem Zimmer und fragte mich warum. Ich raffe alles zusammen und schaue mir an, wie es im Regal Staub ansetzt. Auch die Gedanken an die Schule sitzen dort. Sie sind glänzend. Die Erinnerungen spenden mir auch Schatten aber ich schwitze trotzdem, es ist kompliziert, jeden Tag zu leben, wenn man im Sportunterricht schlecht ankommt und nur abgewinkt wird, wenn man mitmachen will. Ich erfand also eigene Kartenspiele. Ich packte immer mehrere Sets zusammen, sodass ich einen riesigen Stapel Karten hatte. Auch Karten habe ich gerafft und gesammelt. Ich hatte keinen Teddybär, denn dann hätte ich ja zwanzig oder so davon neben mir liegen haben müssen. Ich habe mir irgendwann irgendetwas geschworen, ich weiß aber nicht mehr was.

„Der Freund“ füllt eine Lücke aus, die viele vorher unbewusst gespürt haben. Natürlich tut er das. Das Problem, das viele Leser mit „Der Freund“ oder mit Christian Kracht oder Eckhart Nickel haben, ist die deutliche Abgrenzung dieser beiden ihren Lesern gegenüber. Das äußern sie auf verschiedene Weise, doch ist das nicht der Inhalt ihrer Schriften und schon gar nicht der Artikel in „Der Freund“.
„Der Freund“ wirkt elitär. Zum einen durch die Geschichte Krachts und allem Snobismus und Dandytum, das ihm anhängt. Zum anderen durch Themen und Artikel, die viele als abgehoben und auf gewisse Weise unwichtig und unwirklich empfinden.
All das sind Hürden, die man leicht überwinden kann, um zu den interessantesten und besten Artikel der Zeit zu gelangen.