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Archiv für den Monat Juli 2006

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Seit heute ist die neue Nirvana CD „In Utero“ draußen.

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Nirvana sind jetzt voll berühmt. Überall sind sie vorne in den Charts.

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Morgen kaufe ich mir die neue CD von Nirvana. Das (sic) sind alte Songs und Live-Aufnahmen drauf (natürlich ist Incesticide gemeint, auf der keine Live-Aufnahmen sind.)

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Es ist jetzt halb elf. Ich habe eben wieder meine Nirvana Kassette gehört. Oh mann ich liebe diese Gruppe.

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Heute habe ich die erste LP von Nirvana „Bleach“ bekommen. Die ist total geil. Ich habe kein Bock auf Schule. Ein Lied auf der „Bleach“ heißt auch School.

Als ich das erste Mal „You know you’re right“ von Nirvana gehört habe, konnte ich mich gar nicht darauf konzentrieren, bzw. wies besagte Konzentration darauf und damit verbundene Auseinandersetzung mit Vergangenheit hektisch von mir ab. Ach ja, da war ja mal was gewesen. Mit dieser Lieblingsband aus einem Alter, in dem man für sich noch Lieblingsbands definiert hat. Und Lieblingslieder. Jetzt natürlich selber raus aus der Phase und weiterentwickelt, gleichzusetzen mit wegentwickelt. Als aber jemand zu mir sagte, man habe an irgendeiner Stelle in der Presse geschrieben, der Song wäre eher mäßig, wies ich dies als lachhaft zurück. Dabei habe ich damals gar nicht beurteilen können, ob derjenige nicht vielleicht doch vollkommen richtig gelegen hatte, denn auseinandergesetzt hatte ich mich mit der Veröffentlichung nicht. Wieso wurde die Single veröffentlicht, inwiefern war es wirklich ein fertiger Song gewesen oder nur eine Gesangsspur mit neu unterlegter Musik wie damals bei „Free Love“ von The Beatles oder sonst was. Irgend etwas war im Gange da mit Nirvana; Krist und Dave stritten sich mit Frau Love um Rechte und es sollten Tagebücher veröffentlicht werden. Eine späte Aufregung, für die sich meist Kritiker, ein paar wenige alte Fans und viele junge Menschen interessierten. So ging mir das auch mit der Beobachtung in Discos zu der Zeit. Lief dann wirklich mal „You know you’re right“, mit pikiertem Gesichtsausdruck aufgelegt, so tanzten dort die ganz jungen Menschen, obwohl auch das Publikum älteren Semesters zugegen war. Immer hatte ich das Gefühl, alle dachten: Das habe ich hinter mir gelassen und brauche auch gar nicht mehr daran zu denken geschweige denn auf der Tanzfläche einer Disco zeigen, dass es mir viel bedeutet. Aber vielleicht auch gebührender Respekt vor der Jugend; zu sagen: Ich nehme den jungen Leuten nicht den Platz weg.
Wie auch immer, es vergingen weitere dreieinhalb Jahre, bis ich an einem Abend hier im Bett vor dem Fernseher lag, verlassen von jeglichem Vertrauen ins Musikfernsehen und sehe beim Durchzappen auf MTV eine Dokumentation über Nirvana, weil es Kurt Cobains 12. Todestag ist. 12. Todestag. Für mich war in dem Moment die Zahl so unbegreiflich, wie ich Millionengewinne im Lotto unbegreiflich empfinde. Man lebt in einem bestimmten Rahmen, denkt an Dinge zurück, die Stunden, Tage, Wochen, manchmal Monate, selten Jahre und ganz selten mehrere Jahre zurückliegen. Aber 12 Jahre? Das konnte doch nicht sein. Mir war gänzlich ins Unterbewusstsein geraten, dass Nirvana die wichtigste Band in meinem Leben waren. Und es auch immer noch sind. Und beim Nachdenken fiel mir auf, dass ich in den vergangenen Jahren bewusst um die Zeit im April herum vermieden hatte, über Nirvana nachzudenken. Das hatte mehrere Gründe. Musik zu hören, dessen Texte und damit verbundene Stimmung sehr depressiv und scheißegal ist, fällt nicht immer leicht. Da muss man schon ein einigermaßen dickes Fell besitzen. Oder eben noch sehr jung sein. Außerdem war es schwer sich daran zu erinnern, welch echtes Verlustgefühl mich mit 16 Jahren, als Kurt Cobain sich umbrachte, überfiel. Aber ich hatte eben in diesen Jahren auch vergessen, dass die Musik von Nirvana befreit und stark macht. Und mir die Liebe zur Musik beigebracht hatte. Also fing ich an, mir wieder alles reinzuziehen, angefangen bei den Dokus, die ich damals aufgenommen hatte, die ganzen Musikvideos, Livekonzerte und Berichte von MTV, das „Live! Tonight! Sold Out!“ Video, das ich Weihnachten 1994 bekam, natürlich die ganzen Alben, und den neuen Scheiß. Die Bücher von Azerrad und Charles R. Cross und das Box-Set. Die beiden letzteren machten mich besonders glücklich. Die Box enthält sehr wert- und gehaltvolle Aufnahmen, die das Bild Nirvana vervollständigen und das Buch von Charles R. Cross enthält die Lebensgeschichte Kurts. Sich „Nevermind“ in der heutigen Musiklandschaft als millionenfach verkaufendes Album vorzustellen, fällt sehr schwer. So schwer wie damals, als es rauskam. Und die Musiklandschaft bräuchte etwas wie „Nevermind“. Dringend. Aber das nur nebenbei. Ich habe zu allem wiedergefunden. Mehr als das. Ich habe neu entdeckt und neu lieben gelernt. Und eine ganz wichtige Heimat wiedergesehen. Und jetzt kann ich auch was über „You know you’re right“ sagen.

Immun gegen jeglichen Stolz auf die Nation, verwehre ich mich gegen den Konsens, es sei eine gute Entwicklung unverkrampft zur Flagge zu stehen und die Nationalhymne mitzusingen. Beides immer nur als Erkennungszeichen von verschiedenen Ländern gesehen, als bürokratisches Erkennungszeichen und niemals als Identifikationsmittel. Auch bei „deutsch“ regt sich in mir keine Zugehörigkeit, ich fühle mich so wenig durch eine Nationalität definiert wie durch gewählte Politiker. Deutschland hat nicht meinen Charakter geprägt und auch Regierungsformen nicht, kein Nationalgefül und keine Gesetzgebung bestimmt mein Denken oder gar mein Fühlen. Friedlich zusammenleben zu wollen, jedem Menschen ein Dach über den Kopf zu geben, jedem einzelnen ein angenehmes Leben bereiten zu wollen, sind (und sollten) nicht Definitionen von Regierungen sondern der ganzen weiten Welt sein. Ich habe nicht das Bedürfnis, eine deutsche Vergangenheit hinter mir lassen zu müssen, und auch nicht das Gefühl, wir wären irgendwie unter einer Moralglocke gefangen gewesen, die wir jetzt dadurch, dass wir deutsche Fahnen überall dranbinden, zerschlagen hätten. Ich bin nicht stolz auf Deutschland, ich war nie stolz auf Deutschland, ich habe keinerlei Verbindung zu dem Wort Stolz.

Ich komme zu spät zur Schule, weil mein Zimmer so verdreckt ist und ich nicht gleich durchkomme. Selbst auferlegter Hausarrest. Ich schaue mir jeden Morgen vor der Schule Beavis & Butthead an, ein ganzes Schuljahr lang. Deswegen bleibe ich sitzen und frage mich immer wieder: Hallo, wo seid ihr denn alle? Die elektrischen Geräte sind alle eingeschaltet, alte Radios, alte Fernseher, alles abgelegte Sachen. Draußen ist Sturm, ich gehe durch den Sturm zur Schule, deren Südeingang ich als sich öffnendes Maul eines Monsters verglichen hatte. In einem Traum. Mehrmals die Woche bade ich, das Bad ist der einzige Ort, an dem ich ungestört bin.