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Archiv für den Monat November 2006

Ich hab gehört, demnächst sollen Puzzles mit mehr als 5000 Teilen verboten werden, zu viele Menschen hat man schon verloren, die sich wagemutig an das Problem gemacht hatten, ein Bild zu erstellen, dass zerschnitten vor ihnen lag. In der schriftlichen Anrede hatte ich „du“ und „sie“ groß geschrieben, der Meister hatte aber klein zurückgeschrieben, wie alle anderen auch, das liegt an der weißen Tastatur. Ich bin sicher, es gibt auch irgendein theoretisches Modell dazu. Er hatte es geschafft, sich so auf ein Puzzle zu fokussieren, dass er es, ohne ein falsches Teil in die Hand zu nehmen, zusammensetzen konnte. Wenn ich ihn mir vorstelle, sehe ich immer nur den Rotz aus seiner Nase fliegen, damals als er ein kleiner Junge war, flog ihm oft beim Lachen der Rotz einfach so aus der Nase und landete auf seinen Pullovern. Jetzt schreibt er Artikel, ist also Angestellter und darf schreiben, für Webseiten, die das „follow the free“ Konzept verfolgen, aber wer könnte schon einmal davon gehört haben.
Er schaute traurig, als ich ihm erzählte, meine Eltern seien gestorben, ob er auch wirklich traurig war, kann ich nicht sagen. „Vielleicht kommt das Böse ja jetzt in immer größer werdenden Zyklen wieder, so dass man in der Zwischenzeit den Eindruck gewinnt, es gäbe nichts Schlechtes.“ Damals haben uns auf alles mögliche konzentriert, jetzt kamen die Gedanken nur noch ganz beliebig. Dass wir uns wie früher verstehen würden, war unwahrscheinlich.

Vollkommen unfähig, etwas intelligentes über den Umzug zu schreiben. Ich habe alles ganz schnell vergessen. Die Schmerzen des Umzugs. Aber ich rufe sie zurück. Als erstes, vor allen anderen Geschichten also, der Verlust, den dieser Umzug mit sich gebracht hat: mehrere Dinge wanderten in den Müll, endgültig, nachdem sie einen weiten Weg gemacht hatten, aber vor allen Dingen, nachdem sie in dem feuchten Keller toxic geworden waren. Wenn es im Keller feucht wird, dann werden Klamotten klamm und riechen muffig. Andere Dinge werden von einem gelblichen Staub überzogen. Manche dieser Dinge sind für ewig verloren. Es waren drei Pullover darunter, die meine Mutter für mich gestrickt hat. Einer davon getragen auf dem ersten Auftritt mit meiner ersten Band. Die anderen sind mir schon lange zu groß, aber ich hätte sie mein Leben lang behalten. Wie auch mein Abi-Shirt. All dies kam in die Tonne. Eine ganze Kiste voller alter Aufkleber (Pulp, Zigarettenwerbung, Verhütungsmittelwerbung), alter Stifte, aus der Bravo ausgeschnittener Metalbands, kleiner Kistchen mit Plektren und Haargummis. Alles im Müll aber alles nicht so schlimm. Ganz doll schlimm war die Trennung von meinem alten Verstärker. Vor 13 Jahren in Bielefeld gekauft, für 240 Mark, glaube ich. Kann ich nicht aufschreiben, was damit alles war. Dann noch ein Stuhl und ein Tisch, alles okay, weg damit. Also eine Menge Ballast ist weggeflogen…

Aber vorher: dieser Umzug ist anders. Ich bin nicht auf mich allein gestellt. Deswegen wird die Arbeit bei mir zuhause nicht weniger. Ich stelle vorsichtshalber eine Liste auf, mit den Behördengängen und Ämtern und wem ich alles meine Adressänderung mitteilen muss. Eine Menge Ärger hatte ich in den letzten Wochen vor dem Umzug, weil niemand verstanden hat, was überall gefordert wird: man soll flexibel sein in Deutschland. Aber wie zur Hölle mag das gehen, wenn man vor, während und nach einem Umzug 95163 Institutionen anschreiben und sich an- und abmelden und Anträge in gleiche Zahl stellen muss? Das geht nicht. Versteht das mal…

Ich habe die Gesetze nicht gemacht, aber ich fange schon lange vorher an, mich von Menschen zu verabschieden und meine Pläne bekannt zu geben…

Heute Nacht habe ich geträumt, ich hätte beim Joggen einen Nachbarn getroffen, der mich bat, den vor uns viel schneller laufenden Götz Alsmann einzuholen und ihm etwas von ihm auszurichten.
Danach besuchte ich meinen Nachbarn und sah, dass in seiner Küche Bilder herumstanden, auf denen er mit Dustin Hoffman abgebildet war.

Der Traum spielte in der Zukunft. Ich saß mit meinen Geschwistern und deren Kindern in einer Holzhütte bei einem Famlienfest. Meine Schwester hatte sich mit Cocktails bekleckert, mein Neffe kam auf mich zu und sagte: „Du bist groß.“ Woraufhin ich sagte: „Ich bin nicht groß, ich bin dick!“ Plötzlich wurde der blaue Abendhimmel dunkelgrau, Wolken türmten sich in grotesker Weise am Himmel und ich war begeistert: „Ein Gewitter“, rief ich. Wir rannten nach draußen, beobachteten ein Schauspiel von Blitzen am Himmel, mein Schwager sagte zu meiner anderen Schwester, die den alten Fotoapparat meines Vaters in der Hand hielt: „Ein Wunder, dass das alte Ding noch funktioniert.“
Die ganze Zeit über hatte ich ein schlechtes Gefühl. So ein Gewitter hatte ich noch nie gesehen, es war so unnatürlich. Über den Wolken meinte ich Gebilde zu erkennen, so etwas wie… Raumschiffe oder eher Flugzeuge? Dann brach die Wolkendecke auf und ich sah tatsächlich ein riesiges Flugzeug am Himmel stehen und weitere kleine Flugzeuge nebenher fliegen. Aus einem der kleineren schoßen zwei kleine Raketen, die in der Ferne einschlugen. Ich sagte: „Das ist kein Gewitter, das sind Bomben.“