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Archiv für den Monat November 2007

Ich komme natürlich ein bisschen reichlich spät hier mit meiner Kritik zu „Macht und Rebel“ von Matias Faldbakken… ich bitte um Entschuldigung.
So kaputt und unmoralisch, wie die Figuren Macht und Rebel in „Macht und Rebel“ sind, sie wären schon lange tot. Hätten sich erhängt ob der Diskrepanz zwischen ihnen und der Gesellschaft, deren Spiegel sie ja angeblich sein sollen. Die Aussage Faldbakkens ist ja nicht: schaut mal her, wie kaputt man werden kann, sondern: schaut her, so kaputt sind alle! Eigentlich. Wenn man den Leuten die MASKE VOM GESICHT REISST! Oder wenn man beschreibt, was alle den ganzen Tag so machen. Auf dem Klo sitzen und pissen und scheißen z.B. Oder minderjährige Mädchen verführen.
Aber wo liegt die Grenze zwischen sich provozieren zu lassen und sich ekeln und wütend werden? Matias Faldbakken hat sie definitiv überschritten. Einzig und allein kein Talent wird hier von ihm und durch ihn beschrieben. Am laufenden Band Ekelhaftigkeiten, Grausamkeiten und Tabubrüche aneinanderzureihen, ist nicht schwer. Man macht einfach eine Liste mit Dingen, die gesellschaftlich verpönt sind und verbindet sie lose mit hanebüchenen gesellschaftlichen Interaktionen; diese ganzen Leute, die Rebel trifft (bis er auf Macht trifft). Man möchte meinen, ein Mensch, der die Welt so sehr hasst und so kaputt ist, könne gar nicht mehr unter Menschen, respektive würde es so gut es geht vermeiden, sich mit irgendjemandem zu treffen. Aber nein, er kennt den und jenen und trifft sich auch mit denen und jenen. Viele Passagen lesen sich wie Verschriftlichungen von Pornofilmen, was ja an sich vielleicht eine interessante Idee für ein Buch wäre, aber Faldbakken will ja eigentlich mehr. Ansonsten würde er ja nicht zwischen die Ekelhaftigkeiten soziale Begebenheiten verschiedener Art – unüberschaubar verknüpft und unmotiviert hingeschmiert – einstreuen.
Matias Faldbakken rechne ab, überschlagen sich die Kritiken. Er rechne ab mit der Konsumgesellschaft. Nur mal am Rande: die Konsumgesellschaft rechnet sich schon selbst ab, indem sie auf dem Berg des Minus sitzenbleiben wird, welches sie selbst durch den Konsum und anderem erschafft. Da brauche ich doch keine Fäkaliensprache oder Tabubrüche von einem Matias Faldbakken.
Auf dem Buch selbst steht: Wer Houellebecq mag, wird Faldbakken lieben!
Wie bitte? Michel Houellebecq verknüpft jede Handlung mit einem Motiv. Bei Michel Houellebecq ist erkenn- und erlesbar, wieso die Protagonisten das tun, was sie tun. Auch wenn man danach suchen muss. Die explizite Darstellung von Sex und Gewalt bei Michel Houellebecq steht in einem Kontrast zum Rest der in den Büchern beschriebenen Dinge, z.B. zu den Gegenden, in denen sich das Geschehene abspielt. Bei Faldbakken gibt es keine Kontraste, es gibt nur eine Litanei zwischen der Ekelhaftigkeit der Welt und der Ekelhaftigkeit in Rebels und Machts Kopf. Einzig und allein die Markenhaftigkeit der Gesellschaft, das Sich-Binden an Zeichen und „Brands“ ist eine interessante und wichtige Beobachtung bei Faldbakken, nur wird auch sie fast schon vorhersehbar in regelmäßigen Abständen verwendet.
Natürlich kann man Houellebecq wegen expliziter Sprache lesen, aber man muss schon danach suchen, zwischen sehr viel formeller Disziplin und Inhalt. Bei Faldbakken gibt es das nicht. Hier kann man jede beliebige Seite aufschlagen und man findet irgendeine Ekelhaftigkeit. Matias Faldbakken ist der Versuchung erlegen, aufzureihen, anstatt sich die Mühe zu machen, dem Geschehen und den Figuren Tiefe zu geben. Es klingt banal, aber für ein banales Buch gibt es vielleicht auch nur banale Tipps: beim nächsten Mal weniger Provokation und mehr Form und Inhalt.

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Es schließen sich Kreise. Im selben Seminar, in dem ich „Videodrome“ gesehen habe, sah ich auch „Caché“ von Michael Haneke. Ohne die Halsschlagaderaufschlitzszene hätte mir „Caché“ noch besser gefallen, aber auch so ist er u.a. eine interessante Studie zur Realitätskonsititution. In einer anderen Vorlesung sah ich jetzt einen kurzen Ausschnitt aus „Code: unbekannt“ und gerade, als ich auf dem Sofa lag, dachte ich: schaue ich doch mal, was der Haneke noch für andere Filme gemacht hat. Und es trifft mich wie der Schlag. Michael Haneke hat „Bennys Video“ gemacht, der Film, der für mich die absolut grausamste Szene enthält, die ich in einem Film jemals gesehen habe. Immer wieder zwischendurch, wenn es irgendwie um explizite Gewalt geht, muss ich an diesen Film denken, den ich immerhin das erste und einzige Mal 1994, also vor 13 Jahren gesehen habe. Und noch immer kann ich mich genau an die Szene erinnern. Beschreiben muss ich das jetzt hier nicht, den Film kann sich jeder selber anschauen und wird wissen, welche Szene ich meine. Aber das Studium schließt sich immer mehr um mich.

Gestern setzte ich mich in einem Hörsaal an eine dieser Stuhl-Tisch-Kombinationen, wie man sie aus us-amerikanischen High-School-Filmen kennt, und erblickte beim Hoch- und Rüberklappen des Tisches, dass ich auf diesen Tisch vor gefühlten 100 Jahren das Wort „Videodrome“ gekritzelt hatte. Diesen Film habe ich im Wintersemester 2006/07 gesehen, und zwar am 6. Januar. Das war zwar in einem anderen Raum gewesen, aber hingekritzelt hatte ich es in diesem Hörsaal. Da ich in dem Semester nur donnerstags in dem Hörsaal gesessen habe, muss ich es entweder am 11., 18. oder 25. Januar dort auf den Tisch gekritzelt haben. Warum nun dieses umständliche Rekonstruieren des pubertären Auf-Schultischen-Herumkritzelns?
Ich saß gestern in einer Vorlesung von Systemtheorie, das Thema waren Interaktionssysteme. Will Ego Interaktion, muss er das Alter suchen. Interaktionen kommen also immer zwischen zweien zustande. Gestern fand nun auch eine Interaktion zwischen zweien statt. Ich sah das verblichene einsame – niemand sonst kritzelt auf Tischen herum, ich verstehe das gar nicht – „Videodrome“ auf dem Tisch, und dann sah ich mich selbst aus dem Januar 2007, wie ich das „Videodrome“ auf den Tisch kritzelte, hochschaute und mich anlächelte und fragte: „Wer bist du eigentlich?“ Und ich schüttelte den Kopf: Keine Ahnung wollte ich damit sagen. Und dann stand der Januar 2007 auf, drehte sich um, winkte und ging weg.

Der November läuft mir einfach davon, zerrinnt zwischen meinen Fingern, wahrscheinlich, weil ich mich das ganze Jahr auf ihn gefreut hatte. Jeden Tag könnte ich darüber schreiben, wie schön es im November ist, eigentlich überall in Deutschland. Aber der November läuft weg, als hätte er Angst vor mir, und mir bleiben nur Kalender; in meiner Tasche, auf meinem Desktop, in meinem Portemonnaie, auf der Rückseite meines Notizbuchs, wo ich dann nachrechne: Woche 47, noch gute vier Wochen bis Weihnachten, und dann irgendwann ist 2007 vorbei. Tag und Nacht werden markiert von Jalousien rauf, Jalousien runter, Jalousien auf, Jalousien zu. In meiner Straße habe ich die ersten Weihnachtsbeleuchtungen gesehen, und in der Innenstadt bauen sie den Weihnachtsmarkt auf, und das einzige woran ich denken kann ist: kein Adventskalender dieses Jahr.

Noch immer kein Lebenszeichen von meinem Portemonnaie. Im Kino scheint es nicht gefunden worden zu sein, sonst hätten die beiden Zausel vom Kino sich schon gemeldet, denen habe ich nämlich eine E-Mail geschrieben und persönlich bin ich auch dort gewesen. Na ja, heute abend schaue ich mir dort „Die Ermordung des Jesse James“ an, da frage ich dann noch einmal nach. Bei der Polizei habe ich auch eben angerufen, der schaute in seinem Computer nach und gab mir dann die Auskunft: „In ganz Thüringen nicht.“ Na also i r g e n d w o in Thüringen wird es wohl herum liegen, da bin ich mir ganz sicher.
Auf Nimmerwiedersehen, mein schönes schönes Portemonnaie, ganz abgewetzt und kaputt und geklebt, du warst so wunderschön.

Portemonnaie wiedergefunden. Es lag immer noch an dem Platz, an dem ich es im Kino verloren hatte.