Der Baader-Meinhof-Komplex

In meinen Rezensionen auf die Nicht-Zuständigkeiten der jeweils folgenden Worte zu verweisen, ist beabsichtigt und überdacht. Jede Äußerung über den Inhalt des Films „Der Baader-Meinhof-Komplex“ tastet das schwierige Gebiet eines interkulturellen und interstrukturellen Problembereichs an, den der weltbeherrschenden sozialen und wirtschaftlichen Systeme und der Regierungsformen unter denen sie entstanden sind. Natürlich bezieht sich der Inhalt des Films auf das gleichnamige Buch von Stefan Aust, welches allerorten als Standardwerk bezeichnet wird. Standardwerk deshalb, weil es die wohl am sorgfältigsten recherchierte Dokumentation über die Ereignisse und Aktionen der RAF ist. Insofern könnte ich nun also doch über den Inhalt des Films sprechen, aber wahrscheinlich bliebe ich dann bei der Diskussion hängen, die auch zum großen Teil bei Anne Will vergangene Woche in der ARD geführt wurde. Ist es gerechtfertigt, ein solch umfangreiches Material so zu raffen, wie es in dem Film geschieht? Kann man zugunsten der dramtischen Gestaltung und der knappen Zeit von 150 Minuten die geschehenen Ereignisse umschreiben, so dass sie in den Film passen? Stefan Aust widersprach und verhedderte sich bei der Argumentation in der Talkrunde. Erst erklärte er, journalistische Arbeit habe keine Absicht, sie wolle objektiv darstellen, dann aber muss ihm die Diskrepanz zwischen der Wichtig- und Richtigkeit dieser Aussage und dem Ergebnis des Films aufgefallen sein und er ruderte zurück und sagte, dass man auswählen müsse. Aber natürlich ist das alles nicht gerechtfertigt. Die Bilder, das Gesicht, dass dieser Film den Ereignissen aus mindestens zehn Jahren gibt, ist so knapp bemessen, unzureichend und beschnitten, dass hier ohne Umschweife eine Geschichtsverfälschung stattfindet. Aber dies ist eine generelle aktuelle Entwicklung. Die Vermischung von Entertainment und Education wird zu Edutainment und damit zur Geschichtsverfälschung. Der Hunger der Massen nach Wissen über alles und jeden wird und kann nur zum Halbwissen führen. Kommt das Buch dem gesamten Wissen zumindest auf die Schliche und schafft man es, dies genau durchzulesen und sich all die Personen und Verstrickungen zu merken, so hat man wiederum die Hälfte der Spur aufgenommen. Der Film nun rafft weiter und der gemeine Kinozuschauer sitzt essend und trinkend und manchmal auch sich unterhaltend im Kinosaal und schaut mehr oder minder konzentriert zu. Am Ende bleibt dann von einer vermeintlichen Wahrheit ein einzelner Hauch übrig. Jede Äußerung in Richtung, der Film stelle die Ereignisse dar wie sie waren, ist falsch. Aber dies ist ja nicht schwer ersichtlich, das mag ja nun auf der Hand liegen, dass es hier in diesem kurzen Film nicht um die maßstabsgetreue Umsetzung der umfangreichen Faktensammlung Stefan Austs Buch gehen kann. Worum kann es also gehen, wenn nicht um den Inhalt? Der SPIEGEL behauptet, der Film zerstöre den Mythos der RAF und führt auf seinem Titel ein Zitat von Brigitte Mohnhaupt aus dem Film an: „Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nicht waren.“ Gerichtet ist diese Aussage im Film an die verbleibenden Mitglieder der RAF, aber natürlich richtet er sich auch an die Zuschauer im Kinosaal. Der SPIEGEL nun greift das auf und promotet damit den Film. Wirklich tief geht er allerdings dabei nicht auf den Film ein.

„Ein Kino in Hamburg, der Film beginnt. Er beginnt am Strand von Sylt, Ulrike Meinhof macht Urlaub mit ihrer Familie. In den folgenden Minuten wird Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen, und Rudi Dutschke wird von einem rechtsradikalen Spinner angeschossen, und man kennt das alles. Noch zwei Stunden. Aber dann passiert etwas mit diesem Film, und am Ende stellt sich das Gefühl ein, dass es ein Gewinn war, ihn gesehen zu haben.“

DER SPIEGEL/Nr. 37/08.09.08

Solch eine ungenaue, unpräzise und stilistisch unsichere Beschreibung des Films kann sich DER SPIEGEL eigentlich nicht leisten, aber da er sicherlich unzählige Male gegengelesen wird, muss das eine Absicht haben. Vielleicht lag die Absicht darin, die Schwächen des Films zu verbergen. Vielleicht krankt diese Beschreibung aber auch an der Schwierigkeit, allen Mitwirkungen des Films gerecht zu werden. Aber auf mein Gefühl kann ich mich kaum verlassen. Dieses Gefühl lässt mir beim Filme schauen an unpassendsten Stellen Tränen in die Augen steigen, es lässt mich lachen, wegschauen und ähnlich den Sinn und Zweck und der Funktion verwässernde Eigenschaften zu.
Nun schafft es der Film in seiner Eigenschaft als Film wohl kaum, einen Mythos zu zerstören. Daran ändern die teilweise als Hinrichtungen dargestellten Morde der RAF nichts. Denn hier werden Morde auch als Notwehrhandlungen, als Affekthandlungen inszeniert. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und vor allem Ulrike Meinhof werden nicht nur als kaltblütige Täter dargestellt, sondern auch als Opfer, was sie ja in gewisser Hinsicht sicherlich auch waren. Aber dieser SPIEGEL-Titel will vorauseilend solch eine Kritik im Keim ersticken, wenn er die Zerstörung des Mythos als Ergebnis des Films präsentiert. In früheren Filmen wären die Täter romantisch verklärt ins Bild gesetzt worden, aber die findet in „Der Baader-Meinhof-Komplex“ ganz genauso statt. Gudrun Ensslin in einer Badewanne, Bücher lesend, Andreas Baader durch die Innenstadt rasend und in der Zelle über die Taten der nächsten Terrorgenerationen sinnierend und Ulrike Meinhof als rhetorische gewandte Intellektuelle. Hier wird diese äußerst deutliche Romantik nun flankiert von brutal realistisch anmutenden Erschießungsszenen en masse. Natürlich fällt einem im Film auf, welch Terror der Terror war. Aber es liegt sicherlich nicht in der Macht des Films dies nun kontrastierend zu früheren Verfilmungen „besser“ darstellen zu können.
Zum Glück scheitern so gut wie alle Schauspieler an der Verkörperung ihrer historischen Rollen. Von den meisten bekommt man keine Namen zu hören, Worte sprechen sie selten, sie sind Soldaten unter der Führung Meinhofs, Baaders und Ensslins. Diese wiederum werden hölzern und distanziert (Schauspieler – Rolle) gespielt, allen voran Martina Gedeck als Ulrike Meinhof wirkt so steif und unbeholfen, so auswendig gelernt, allein bei ihr scheint keine schauspielerische Entwicklung im Film stattzufinden, was man Moritz Bleibtreu und Johanna Wokalek noch zugute halten kann. Ohne es zu wissen, muss man wohl sagen, sehen diese beiden von außen betrachtet zum Ende hin des Films immer mehr den Bildern des Andreas Baaders und der Gudrun Ensslin ähnlicher. Martina Gedeck als Ulrike Meinhof bleibt dieser Entwicklung außen vor, so wie sie wahrschienlich der ganzen RAF außen vor geblieben ist. Zum Glück deshalb, weil eine brillante darstellerische Leistung noch mehr den schalen Nachgeschmack einer Verfälschung der Ereignisse bedeutet hätte. Viele werden aber trotzdem in Zukunft bei der Erwähnung der Namen Baader, Meinhof Ensslin die Gesichter Bleibtreu, Gedeck und Wokalek im Kopf haben.
Der Film verspielt dann auch die Möglichkeit trotz seiner begrenzten Spielzeit in bestimmten Momenten den Schnitt so setzen, dass dem Zuschauer ein Raum geöffnet werden könnte. Sieht man Martina Gedeck in ihrer letzten Szene an ihrer Gitterzelle stehen, einem verschränkten Ausblick, so ist das Fenster, durch das sie zu Beginn flieht, dass die Flucht aus der Legalität in den illegalen Untergrund bedeutet, zu kurz im Bild zu sehen.
Was der Film dann aber doch (er)schafft, ist die Darstellung zweier sich gegenüber stehenden Gewalten. Wenn schon so viele Mitglieder der RAF namentlich unerwähnt bleiben, nur kurz auftauchen und wieder verschwinden, so rückt hier die Gewalt in den Vordergrund. Hier stehen sich nicht nur die Baader-Meinhof-Gruppe und der Staat gegenüber, hier stehen sich nicht nur die sozialistische und kommunistische Revolution und der als imperialistisch beschimpfte kapitalistische Staat gegenüber, hier sind es vor allem die Oppositionen Terroraktion/Gesetz, Verfahren/Handlung die sich gegenüber stehen. Die Polizei als Exekutive wird hier von der RAF als ein brutaler Haufen Schweine gesehen. Diese Exekutive war für die RAF als direkt ausführende Individuen ein Beweis für die Richtigkeit ihres Kampfes. Es galt auch, den Bürger einschüchternden Polizisten zu bekämpfen. Der idealistische Sinn richtete sich gegen einen vermeintlich faschistischen und imperialistischen Staat, der Kampf fand aber auf der Straße statt, direkt mit den Polizisten. Die RAF setzte sich über bekannte Verfahren und Gesetze hinweg, besonders deutlich wird das an der Darstellung eines Stammheimer Prozesstages, an dem der Richter sichtlich hilflos und gesetzestreu an den Verfahren der Protokollierung festhält, während die Angeklagten gezielt Beleidigungen einsetzen, um sich diesem in ihren Augen ungerecht geführten Prozess zu entziehen. Der Staat entwickelte auf die Vermeidung von Terror in der Zukunft dann eine umfassende Datenverarbeitung, das aktuelle Thema vieler Demonstrationen. Nun sind es längt nicht mehr die Polizisten, die es anzugreifen gilt, der Überwachungsstaat ist das, was die Aktivisten und Demonstranten bekämpfen wollen. In der Aufgabe, dieses wichtige Element des Terrorismus der RAF zur (Bilder)Sprache zu bringen, ist der Film sehr wichtig, bestehende Mythen wird er nicht zerstören.

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