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Archiv für den Monat September 2009

An kaum anderen als Techno-Alben kann man besser ablesen, dass der Abfolge von Tracks auf einem Album eine Dramaturgie innewohnt. Im Gitarren-Sektor der Popmusik sind die am besten funktionierenden Abfolgen wohl Konzeptalben, zumindest soll hier sukzessive und zusammenhängend gehört werden, mag das auch nicht immer hundertprozentig aufgehen. Ich erwähne Techno-Alben deswegen hier, da man durch die fehlende Stimme – nur manchmal durch Samples an eine erinnernd – viel mehr der Musik als stringente Serie folgt. Nach „The absence of blight“ ging Lawrence diese wichtige Stringenz verloren. Genanntes Album wurde mehr oder weniger gehypt, zumindest in einigen Kreisen war es das Album des Herbst/Winters 2003, und eine Wiederholung desselben Konzepts kam für Peter Kersten nicht in Frage. Schon mit „The night will last forever“ wurde dies durchbrochen, rhythmisch schon insofern, dass die erlösende 4/4-Bassdrum mehr und mehr fehlte und stattdessen eine Zerklüftung in die Struktur trat. Klang das alles auf dem Vorgänger zu „Until then, goodbye“ noch gut, so hat die Qualität hier zwar nicht viel aber doch irgendwie deutlich abgenommen. Auch das erste Sten-Album aus der Zeit enthielt zwar 12“, es funktionierte aber trotzdem auch als Einheit, als Zusammenschluss der Tracks zu einem Album. Zwischendurch beim Hören habe ich so gedacht: ist einer eigentlich schon mal auf die Idee gekommen, dass mit dem Albumtitel gemeint sein könnte, in Zukunft wird es keine Tracks von Lawrence mehr geben? Streckenweise hört es sichzumindest so an, als versuche Lawrence einen ganz anderen Soundraum aufzumachen, vor allem bei „Father Umbrillo“, „Todenhausen Blues“ und dem Titelstück ist das ganz deutlich, diese Tracks klingen wie tortois’scher Post-Rock, mit den ganzen Glockenspielen und Perkussionen. Die Glockenspiele gab es bei Lawrence natürlich schon immer, bzw. Glocken in jeglicher Klangform. Das Blöde ist nur: tritt man in diesen rockistischen-Klangraum ein, so muss man sich bewusst machen, dass dies andere vorher vielleicht schon besser gemacht haben. Es macht absolut Sinn als Entwicklung für Lawrence, keine Frage, aber im Zusammenhang mit anderen Bands reicht Lawrence‘ Verknüpfung von Ideen nicht immer an seine über den Tracks schwebende aber niemals festgesetzte Sound-Idee heran. Techno als Minimal oder Romantic-Techno wie man ihn von Dial vor allem vor 5 oder 6 Jahren gehört hat, gibt es auf diesem Album fast gar nicht mehr, die 12“ A-Tracks, die man schon vor dem Album kannte, kommen dem noch am nächsten. Da wo Lawrence den Beat weglässt, vermisst man ihn aber manchmal schmerzlich, bei „Sunrise“, „Sleep and suffer“ oder „A new day“ zum Beispiel. Das klingt einfach danach, als hätte jemand trotzig auf den 4/4-Beat (oder auch einen anderen) verzichten wollen und nicht, als wäre es das Beste für den Track gewesen. Mehr und mehr treten da Congas oder andere Hochfrequenz-Percussions an die Stelle. Allein für sich klingen die Tracks noch immer sehr gut und verbreiten eine absolut schöne Stimmung, das kann Lawrence einfach, aber als Album funktioniert das nicht mehr so ganz. Wenn man allerdings nur Techno-Strukturen gewohnt ist, mag dies eine willkommene Abwechslung sein, aber innerhalb des Lawrence-Kosmos ist dies sicherlich ein wenig zerfahren und nervös, da liegt die Messlatte einfach durch „The absence of blight“ immer noch sehr sehr hoch.

Jetzt hat ein kleiner Shift in meinem Denken stattgefunden, und ich muss zugeben, dass ich mich vor dem heutigen Abend dazu hätte hinreißen lassen zu sagen: die Kids von heute führen nur ihre Klamotten spazieren beim Ausgehen in Discos. Aber irgendwie denke ich gerade: das haben sie (wir) damals auch schon so gemacht. Vielleicht bin ich aber auch nur müde mich über die Kids von heute aufzuregen. Ihnen fehlen die Referenten will es aus mir heraus, aber das ist so lächerlich. Uns fehlten auch schon die Referenten, wir haben nur geglaubt, wir hätten welche. Und als es vielleicht noch welche gab, das kann man jetzt nicht mehr nachprüfen, da gab es noch keine Discos. Discos sind dafür da, Imagekataloge spazieren zu führen. Und warum sollte ich mich über die Kids aufregen. Sehen alle so zufrieden und niedlich aus. Die sind alle sehr lieb. Die werden niemals aufbegehren. Das heißt Sicherheit. Zumindest wenn man nicht an eine große Superverschwörung glaubt und das tue ich nicht. Apropos super: Zeit über den Superlativ Super nachzudenken. Und seine Verbindung zu Pop. Und zu Independent. Setzt man Mittleres zwischen Erstes und Letztes kommt der Titel des heutigen Abends heraus. Zusammen geschrieben. Ich habe wirklich nicht verstanden was das mit dem heutigen Programm zu tun hatte. Zuerst war ich zornig. Die können doch nicht einfach was Independent nennen und dann nur den breiigsten Konsens-Schrunz (z.B. der Lautsprechertest-Track „Bumm Bumm Bumm“ von den Black Eyed Peas, der ähnlich geistreich ist wie damals „1,2 Polizei“ von Mo-Do und gar nicht raffiniert, obwohl der Grat zwischen Minimal-Art in der Musik und dummdreisten Nullnummern schmal ist) spielen. Können sie aber natürlich doch. Warum sollten sie das nicht können? Schließlich hat auch jemand Anderer diesen Begriff genommen und ihn über einen Haufen Bands die das nicht sind gestülpt. Ich war allerdings trotzdem fehlgeleitet und trotzig eingeschnappt. Menno, die machen mir mein schönes Weltbild kaputt diese verzogenen Kids. Und musste sie natürlich wieder beim Tanzen beobachten. Sieht wahrscheinlich schon alles so ein bisschen nach Gaffen aus, aber es ist wirklich interessant: Da sitzt eine Gruppe junger Mädchen desinteressiert auf schnieken Sofas herum (Lungern Couture) und sie sehen aus als passen sie rein, ziehen aber ’ne Schnute zu der ganzen dancigen Mucke. Egal was läuft, sie flunschen. Dann aus heiterem Himmel stehen sie auf und gehen mitten in einem Lied auf die Tanzflläche und fangen an zu tanzen. Habe ich nicht verstanden. Ich verstehe die Signale anders, die gesendet werden. Für mich funktioniert das so: ich hab Lust zu tanzen und tanze dann zu den Liedern, die ich mag. Wenn eins zuende ist und ein anderes anfängt, bleibe oder gehe ich. Aber hier geht es nicht darum welches Lied läuft. Man tanzt und dann hört man auf. Und dann geht man raus. Als würde an diesen Abenden einfach das Radioprogramm nachgespielt werden. Es läuft halt die ganze Zeit was und da hört man halt so halbherzig hin. Und wenn was Gutes kommt, wird kurz gejubelt und abgedanced. Ich wechsle von der Hall in den Club und komme gerade rechtzeitig zu Efdemins „Just A Track“ von der Split mit Carsten Jost. Das versöhnt mich sehr, bringt es doch so eine Art 3-D Effekt in den Abend. Ist mir allerdings auch neu, dass man in jedem Moment, in dem die Bassdrum „fehlt“, frenetisch pfeift und johlt, so dass es die wirklich laute laute Musik komplett übertönt. Da standen Macker und Tussis herum, die die Finger zwischen die Lippen steckten und ohrenbetäubende Pfeiforgien in jede bassdrumlose Lücke bliesen. Mein Nacken tat weh vom die ganze Zeit das Kopfschütteln unterdrücken und ich ging wieder in die Hall. Dort kam ich rechtzeitig zum albernen Gesabbel von Peter und Jan und da auch das im Eintrittsgeld enthaltene Koffein-Getränk nicht mehr wirklich wirkte, radelte ich nach Hause.

Ich habe heute meinem Ärger über die letzten Proben von KONVOI Luft gemacht. Das Ganze gegenüber A., der nicht alles dafür kann, aber mindestens genausoviel wie ich selbst. Hauptproblem der ganzen Sache ist: jetzt wo die Proben mehr und regelmäßiger werden, fehlt mir ein Gespräch über die Richtung der Band. Die kann kaum im Voraus bestimmt werden, zumindest aber im Nachhinein rekapituliert. Mir ist aufgefallen, dass mir dieses Instrumental-Rock-Ding stinkt. Es war okay für die quartalsweisen Proben, aber mit regelmäßigerem Proben kommt in mir der Wunsch auf, kompaktere Songs mit komplexerem Arrangement und Gesang zu schreiben. Innerhalb einer Band habe ich das noch nie gemacht. Selbst bei BLACK EMBRACE 1994 wurden im Bandkollektiv Instrumental-Songs geschrieben. Es ist für den Moment in der Probe bisher immer okay gewesen und es macht auch irgendwie Spaß, aber es hinterlässt mehr und mehr einen schalen Nachgeschmack, wenn man mal wieder auf drei Akkorden eine Viertelstunde herum jammt, dabei mal lauter und mal leiser wird und irgendwann vollkommen ausrastet, bis es zuende ist. Irgendwie landen wir immer wieder an diesem Punkt. Es ist halt so, dass A. und ich da vielleicht auch an unsere Grenzen stoßen, aber wir testen sie eigentlich gar nicht aus. Ich möchte wirklich an Songs arbeiten und ich möchte vor allen Dingen darüber reden, was gewollt wird von allen Seiten. Ich möchte nicht als der einzig Doofe dastehen, der die ganze Sache ernst nimmt. Für mich ist es etwas Besonderes, zu proben. Zweites Problem ist der Impuls innerhalb der Band. Der muss bisher immer von mir kommen. Sowohl A. als auch F. warten darauf, dass ich anfange zu spielen. Und wenn ich mal ganz provokativ abwarte, werde ich angegrinst, weil sich alle bewusst sind, dass es immer gleich abläuft. Ich spiele eine Melodie und die beiden anderen steigen darauf ein. Bei den letzten Proben habe ich gemerkt, dass mich das anstrengt. Ich will nicht mehr alleine die Impulse geben, ich möchte mich auch einmal zurücklehnen und irgendwo mit einsteigen und mitspielen. So laufen alle immer nur dem hinterher, was ich vormache. Auf die Dauer passt mir das nicht.