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Archiv für den Monat Oktober 2009

You will have to

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Vor drei Tagen musste ich mal schnell wohin, und immer wenn ich mal schnell wohin muss, für länger auch noch, will ich davor noch lange aufgeschobene Sachen erledigen. Diese komplett bescheuerte Vorgehensweise führt aber dazu, dass ich überhaupt mal was schaffe. Auf jeden Fall war diese Sache das „mal die Nähmaschine ausprobieren“. Aufgebaut war sie schon, die Utensilien lagen ebenfalls schon bereit, und versucht einzufädeln hatte ich auch schon mal. Dann war beim Nähen aber immer wieder der Faden gerissen. Auf jeden Fall war ich schon nicht mehr so ganz beim ersten Schritt als ich mich am Sonntag dann kurz vor knapp wieder dran setzte. Ich war die meiste Zeit dann damit beschäftigt, den Garn durch das Nadelöhr zu bekommen, was selbst mit einer Einfädelhilfe nicht so wirklich leicht war. Ich schaute Ewigkeiten auf diese dünne Nadel und das noch dünnere Nadelöhr. Als ich dann die ersten Stiche genäht hatte, war ich überglücklich. Vollkommen cool fand ich die Vorstellung, demnächst selbst was zusammennähen zu können, was immer auch es sei.
Den ganzen restlichen Tag über war ich weg, u.a. auch bei meiner Schwester und meinem Schwager, wo mein Schallplattenspieler nun seit über 6 Jahren gelagert war. Ich wollte ihn wieder mitnehmen, da ich in letzter Zeit immer wieder Lust bekommen hatte, eine Platte aufzulegen, und außerdem The Beatles, Mike Oldfield, Saga, Pink Floyd u.a. mal wieder auf Platte hören wollte. Also nahm ich am Abend den Plattenspieler wieder mit zu mir und bastelte ihn, weil ich es nicht abwarten konnte und obwohl es schon fast Mitternacht war, umständlich an mein Mischpult und an die Erdung usw. Dann legte ich eine Platte auf und es passierte etwas, das mir wirklich körperliche Schmerzen bereitete. Der Tonarm schleifte über die Platte, ohne sie abzuspielen. Also er senkte sich, und anstatt in der Rille zu bleiben, schleifte er einfach mit einem kratzenden Ton über die Scheibe. Ich stellte das Anti-Skating ein, ich stellte die Gewichtsverlagerung ein, nichts half. Irgendwann war mir klar, dass die Nadel abgenutzt sein musste. Sie hatte keine wirkliche Spitze mehr und konnte so die Platte nicht mehr richtig abspielen. Auch die Nähnadel für die Maschine war abgebrochen gewesen und ich hatte neue besorgt, und bei dem Plattenspieler muss ich das jetzt ebenfalls tun. Da war ich dann gestern in einem High-End-Hi-Fi-Geschäft und das war ein Erlebnis ganz besonderer Art. Aber die Geschichte erzähle ich ein anderes Mal. Und so hatte ich mal an einem Tag mit zwei verschiedenen Nadeln zu tun.

Nachdem ich gestern zum ca. 10. Mal in den Keller gegangen bin, um Sachen aufzuräumen, umzuräumen, auszumisten, hochzuholen etc., habe ich nun verstanden, dass es an der Zeit ist sich von Sachen zu trennen, die man für unentbehrlich gehalten hat. Und damit meine ich nicht einmal geerbte oder lieb gewonnene oder im Gedächtnis sofort antreffbare Dinge, ich meine Papierschnipsel mit Notizen, kaputte und leere Stifte, Ordner, also alles was mal bei der Koordination von Gedanken geholfen hat. Diese Schnipsel sind natürlich insofern unentbehrlich, als dass sie Gedanken festgehalten haben, meine oder die meiner Freunde oder Geschwister, sie sind im Prinzip die dunklen Zwerggehilfen der Tagebücher. Foucault hätte wahrscheinlich gesagt: nicht wegschmeißen! Foucault hätte diese Schnipsel für die eigentlichen Belege meiner Vergangenheit gehalten, da meine Tagebücher ja nur das festgehalten haben, was ich selber entschieden habe, und das sagt gar nichts. Das, was man verschwinden lassen will, ist das, was die Wahrheit sagt. However, manche von diesen Schnipseln sind unsortiert, manche sogar angegammelt, aber auf jeden Fall nehmen sie Platz weg und sie nerven mich. Ich habe gestern entschieden, dass ich mich davon trennen muss, aber nur, nachdem ich sie noch ein einziges Mal angeschaut habe. Aber wo ich das jetzt hier so aufschreibe, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich sie dann wirklich wegschmeißen kann.

(Gestern im IKEA fiel mir wieder das auf, was ich schon seit längerem über Lawrence‘ „Somebody told me“ schreiben wollte. Ich frage mich, ob Peter Kersten, bevor er diesen Track komponierte, im IKEA einkaufen war, denn die ersten beiden Töne des Stückes, ein B und ein F# in der hellen und hohen Klangfarbe eines Glockenspiels sind exakt die Anfangstöne des Durchsagesignals im IKEA. Bevor dort verkündet wird, dass ein Kind im Smalland (wird das so geschrieben? Da fehlt warscheinlich der Kreis auf dem a) abgeholt werden will oder ähnliches, kommt auch da ein B und ein F# im Glockenspiel-Sound.)