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Archiv für den Monat März 2010

Techno ist eine von Umgebungsgeräuschen befreite Musik. Ihre viel zugeschriebene Sterilität speist sich aus der technischen Hervorbringung ihrer Komposition. Über Mikros wird im Techno so gut wie nichts abgenommen oder aufgezeichnet. In gewissem Sinne ist so im Techno auch ihr Rezeptionsraum eingeschrieben: der Club. Ein abgeschlossener Raum. Pantha Du Prince‘ neues Album und vor allem schon der Titel „Black Noise“ verweisen auf diesen Zusammenhang von der Sterilität der Musik durch die Aufnahme und das gleichzeitige Ausströmen von Wärme . Black Noise ist wie schwarze Materie. Nicht wirklich da, zumindest nicht sichtbar, und doch äußerst kraftvoll. Sollte man sie unter Kontrolle kriegen, wäre damit Unvorstellbares vorstellbar. „Black Noise“ macht diese Vorstellung wahr. Es ist so schwer, im Techno Organisches zu erschaffen, weil ein haptischer Moment zu fehlen scheint. Mensch und Maschine sind sich noch immer nicht ganz grün, aber sie sind dabei, grün zu werden. Das ist spektakulär und wird vertont: auf Alben wie eben „Black Noise“. Im Techno ist auch das Poppige verschwunden. Die Klänge fliegen in den Raum hinaus, um niemals wieder gesehen zu werden. Bisher verbanden sie sich wenig mit Klängen innerhalb eines Tracks oder eines Albums. Dabei ist die im 4/4-Takt wiederkehrende Bass-Drum nichts poppiges, auch wenn sie sich ständig wiederholt, manchmal in fast gleichem Tempo über ein ganzes Album hinweg. Das ist monoton, aber nicht poppig. Und doch schafft Pantha Du Prince auf diesem Album den schier unmöglichen Sprung ins dunkel-poppige. Und er macht manchmal durch das Hinzufügen den Raum auf, lässt einen Blick ins Freie erahnen, erschafft neue und große Räume, die aber allesamt etwas melancholisch-leeres haben. Aufgefangen wird diese dem Minimal-Techno immer wieder zugeschriebene Kälte aber durch den poppigen Anstrich. Und der entsteht einfach – oder auch nicht einfach, das hat nämlich bis jetzt noch kein Minimal-Release so richtig geschafft – durch die Melodien der immer wieder verfremdeten Glocken. Die Glockensounds sind ein Markenzeichen des Dial-Labels, und auch wenn Pantha Du Prince nicht mehr auf Dial veröffentlich, so ist er doch von der Gesinnung in der Musik her noch stark mit dem dial’schen Soundkosmos verbunden. Glocken und deren klingende, hallende Qualität geben all den Beats und Frickels und Schnarrenz einen Zusammenhalt, wie ein Lehm. Das Klingelhafte der Glocken wird manchmal vertreblet, bis es wie Besteck klingt, manchmal gephast und umhüllt, bis es wie eine Steeldrum klingt. Und hier kommt auch die Aufnahmeart ins Spiel: so wie „Black Noise“ klingt, können große Teile des Albums nur mit dem Mikrofon abgenommene Instrumente gewesen sein. Das Spektakuläre daran ist die Vermischung der elektronischen Klangerzeugung heutzutage am Computer und dem Spielen der Instrumente im Studio vor einem Mikrofon. Diese Rückführung zum Organischeren ist im Dial-Umfeld immer mehr zu beobachten – man beachte dabei den Mittelteil des letzten Albums von Lawrence. Das ungreifbare Element des Minimal-Techno, das oft abstoßend wirkt und selten zum Weiter- oder Wiederhören anregt, ist auf Pantha Du Prince neuem Album beseitigt worden. „Black Noise“ enthält einige denkwürdige Momente im Techno; Momente, die eine Aufbruchstimmung vermitteln und den Pfad breiter treten, auf dem noch viele schreiten werden.

Jónsi ist der erhabene Falsett des postmodernen Rock. Gerade eben wurden Sigur Rós in der Post-Rock Community bei Facebook zur beliebtesten Post-Rock-Band gewählt. Tatsächlich haben sie eine Menge dafür getan, das „Andere“ des neuerfundenen Gitarre-Schlagzeug-Stimme-Schema einer größeren Aufmerksamkeit und – was noch viel wichtiger ist – einer ausweitenden künstlerischen Ebene zuzuführen. Wie bei jeder Band kommt dann der Moment, in dem innegehalten wird. Kommt jetzt noch was, wieder was, und wenn ja, wie hört sich das an? Wie sieht das aus? Wie könnte das klingen? Diesen Scheideweg bekommt man als Journalist nicht mit, aber das, was daraus hervorgeht meistens schon. Diesen Scheidepunkt würde ich nach „( )“ ansetzen, vor „Takk“. An diesem Punkt gibt es natürlich nicht nur zwei Möglichkeiten, vor und zurück, sondern unzählig viele. Natürlich kann das weder gut noch schlecht sein. Es ist. Es ist wie es ist. Und dennoch kann man eine strukturelle Veränderung beschreiben und sie mit einer Veränderung später oder früher beschreiben. Diese Veränderung mäanderte bei Sigur Rós nach „( )“ in eine schwebende Ungreifbarkeit. In die Potenzierung der Veränderung nach „Ágætis Byrjun“, die seltsam zirkulierend ins Nichts führte. Sie sagten Danke und wiederholten sich. Sagten noch einmal Danke und wiederholten sich wieder und recyclten altes Zeug. Nach dem letzten Album geht es nun wieder weiter für Sigur Rós, sicherlich, aber erst einmal befreit sich Jónsi von der Band und macht seine eigenen Dinge. Zuerst „Riceboy Sleeps“ und nun unter eigenem Namen, also immer mehr Drehen um sich selbst. Als Solo-Artist kann man entweder seine Talente zum Gehör stellen und auf das aufmerksam machen,was vielleicht im Bandkontext untergehen würde, oder aber man ist noch mehr „man selbst“ und hat noch nicht genug der Aufmerksamkeit. Leider kann man Jónsi hier nichts anderes attestieren. Seine Stimme, seine Kopfstimme, sein Falsett ist eines der herausragenden Elemente von Sigur Rós. Anstatt seine anderen Talente zusammen mit seiner Stimme zu präsentieren, wird hier so gut wie nur die Stimme präsentiert. Die Musik ist eine nette Anlehnung an die Sigur Rós‘ und hat zum Glück wenig mit dem „Riceboy Sleeps“-Album zu tun. Die Musik schwebt und klingelt, Percussion und Glockenspiel, viele viele Geigen, mal ist sie schneller, aber immer sehr rein und dramatisch, aufbrausend, wie man das halt so kennt, niemals bescheiden, immer den großen Horizont im Blick. Bei Sigur Rós wurde nie gekleckert, Jónsi allein tut es auch nicht. Es soll wohl alles schön sein und auch am liebsten so bleiben. Seine Stimme glockert und tiriliert, so wie man es seit jeher kennt. Bei diesem Kosmos muss man sich auf keine Supernovas einstellen, auf keine unberechenbaren Meteoriten, meist ist der Blick auf Sternenbilder gerichtet, die immer zu bestehen scheinen, deren Konstellationen man kennt. Von der Erde aus sieht das aus wie ein Strandspaziergang mit Sonnenuntergang, warmen Wasser und Sand unter den Füßen. Pauschalurlaub könnte man auch sagen.

„Ich glaube, ich hab gerade die Pille genommen“, sage ich zu meiner Schwester. Wir sind bei mir im Zimmer in der 16, sie liegt einegrollt in meinem Bett, ist anscheinend krank. Es kommt auch nicht so eine richtige Reaktion von ihr, ich deute das als: ist nicht so schlimm. Die Pille habe ich aus einem Tablettenbriefchen, aus dem ich eigentlich etwas anderes ausbrechen wollte, aber egal. Ich stehe auf und gehe in die Küche, der gegenüberliegende Raum, schaue gerade nach links ins Wohnzimmer; dort kniet mein Vater verkehrt herum auf seinem Stuhl und macht Nackenmuskeldehnübungen. Er bemerkt mich nicht und ich gehe weiter in die Küche und erwarte eigentlich die ganze Zeit eine Antwort von A., mit dem ich über Headset telefoniere. Aber da kommt keine Antwort, nur Stille und ich merke, dass der Stecker anscheinend aus dem Handy gerutscht ist. Als ich wieder aus der Küche zurück in mein Zimmer will, klebt an der Küchentür ein Cover einer meiner Kassetten, es ist das von „A certainty became unsure“.