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Archiv für den Monat Januar 2012

Individuen sind von Aussagen durchzogen. Mein Blick würde durch sie hindurchgehen, wenn er nicht an den die Individuen umgebenden Diskursen hängen bliebe.

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Nach mehr als 11 Jahren tun sich At the Drive-In wieder zusammen.
At the Drive-In klangen immer – verzeiht diese kitschige Platitüde – spontan. The Mars Volta gingen in die eine Richtung – noch mehr abgefahren, Sparte in die andere – weniger abgefahren und mehr in Richtung Alternative.
Was mich an At the Drive-In immer fasziniert hat und weiterhin faszinieren wird, ist die Synergie die in und durch ihre Musik entsteht. Das ist eigentlich ein recht einfaches Prinzip: Die Musik klingt komplex und vertrackt, beim genauen Hinhören jedoch hört man all die Kratzer und Sprünge, die dieser Musik anhaften. Aus dieser Reibung bestehend aus progressivem Rock und punkiger und coriger Attitüde und Spielgeste entsteht Energie. Spürbar war diese m.E. am meisten auf „Relationship of Command“. Ich habe zu dem Album mal gesagt, dass es mich von den Toten erwecken könnte, und Georg T. meinte: „Würde man die Spuren einzeln hören, klingt das alles total schief und krumm, aber zusammen ergibt es einen Sinn.“
Und genau das ist das Erstaunliche. At the Drive-In ließen das, was sie für Musik hielten mehr oder weniger durch sich hindurchfließen. Wenn dort irgendwo eine große Kontrolle herrschte, so ist sie nicht hörbar.

Christian Wulff hat als Bundespräsident Fehler gemacht. Niemand würde ihm das übel nehmen. Wenn er jetzt nicht auf langsam anmaßende Weise an seinem Amt festhalten würde.

Er hat meines Erachtens nicht verstanden, dass er als Bundespräsident zwei Identitäten besitzt. Beide bedingen und beeinflussen sich. Die eine ist der Privatmensch Christian Wulff, der von Freunden einen Kredit bekommt, der bei Freunden übernachtet ohne eine Rechnung gestellt zu bekommen. Jeder Mensch in der deutschen Gesellschaft kennt das aus seinem Leben.
Die öffentliche Person Christian Wulff aber soll ein Vorbild sein. Sie soll auch eine Verkörperung des Volkes sein. Es soll für sie alles das gelten, was auch dem Volk gilt. Wie z.B. gewisse Konsequenzen. Diese öffentliche Person sollte Verantwortung übernehmen und nicht über die Meinungen des Volkes und der Medien hinweg selbst entscheiden.
Das ist eine heikle Aussage, denn das würde in letzter Konsequenz bedeuten, dass ein Politiker von der Gunst der Medien abhängig ist. Hier geht es auch um die ganz enge Beziehung der Verbreitungs- und Massenmedien und ihrer Verantwortung der gewissenhaften Berichterstattung. Natürlich sollten die Medien ebenfalls Verantwortung übernehmen – man erkennt meistens welche das tun und welche nicht. Im Moment sieht es allerdings so aus, als würde er das alles ignorieren.

Jetzt stellt Christian Wulff sich als Opfer dar, gegen den eine Kampagne gefahren werden sollte. Allein, niemand versteht wie und warum das vor sich gegangen ist. In dieser Situation müsste der Verstand der öffentlichen Identität Wulffs einsetzen und sagen: ich bin vielleicht unfair behandelt worden, und vielleicht hatten alle meine Handlungen ihre Richtigkeit. Aber von nun an kann ich nicht mehr das Vorbild sein, was ich als Bundespräsident sein muss.
Und aus diesen Gedanken sollte eine Konsequenz gezogen werden. Diese Konsequenzen ereilen die Bundesbürger ebenso. Es kann eben nicht sein, dass dem Bundespräsidenten da eine Sonderrolle zukommt.
Bei der Affäre um Bundespräsident Christian Wulff geht es u.a. um den Unterschied von Fakten und dem symbolischen Charakter, der den Fakten anhaften kann.
Christian Wulff kann nicht allen Ernstes davon ausgehen, dass seinen Taten kein symbolischer Charakter zugeschrieben wird. Wenn er Zuwendungen von Unternehmern erhält, seien das Geschenke, Vergünstigungen, was auch immer, dann muss er sich darüber im Klaren sein, dass man annehmen KÖNNTE, das sein Handeln dadurch beeinflusst werden könnte.
Es geht eben nicht nur um die blanken Fakten. Es geht nicht nur um Beweise oder um Belegbares.

Er entschuldigt sich jetzt unentwegt und „gibt zu, Fehler gemacht zu haben“. So als ginge er davon aus, dass man ihm jetzt die inhaltlichen Dinge zum Vorwurf macht. Dabei ist das gar nicht so. Es geht nicht um die Kredite selbst, es geht darum ihm nicht mehr vorbehaltlos vertrauen zu können.

Eine andere Dimension nimmt das alles natürlich an, wenn man erfährt, dass er seinen Einfluss als Politiker dazu missbraucht hat, bestimmte Berichterstattungen zu verhindern. Dass das bei Wulff sicherlich kein Einzelfall war, kann man sich denken. Aber da es hier um ihn geht, bleiben wir hier auch bei ihm. Bei ZEIT Online ist nun zu lesen, dass er die Veröffentlichung seines Mailbox-Anrufs bei dem Bild Chefredakteur Kai Diekmann ablehne. Mit der Entschuldigung sei es getan, so weiter ZEIT Online. Dieses Selbstverständnis stößt übel auf, weil man das Gefühl bekommt, er geht davon aus alles in der Hand zu haben. Er entscheidet nun, ob es mit der Entschuldigung getan ist. Soweit ich weiß, kann man nur um eine Entschuldigung bitten. Die Bundesbürger würden dann diese Entschuldigung annehmen.
Oder auch nicht.