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Archiv für den Monat März 2012

Regelmäßig habe ich hier über Sigur Rós und über Sideprojects wie Riceboy Sleeps und Jonsis Soloprojekt geschrieben. Meine letzten Rezensionen (bzw. seit Takk) fielen überwiegend negativ aus. Vor allem der Vorgänger zu dem neuen am 28. Mai erscheinenden Album „Valtari“ gefiel mir überhaupt nicht mehr. Sigur Rós hatten verpasst, ihre Musik nach „( )“ weiterhin greifbar, texturell und spannend zu gestalten. „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ war meines Erachtens streckenweise vor Beliebigkeit unhörbar. Mit „Valtari“ erscheint das erste Album seit 4 Jahren und vorab ist der Opener „Ekki Múkk“ zu hören.
„Ekki Múkk“ beginnt vielversprechend geheimnisvoll, öffnet einen sigurros-untypischen Soundraum mit relativ düsteren Elektronik-Klängen, die den Track interessant machen. Auch ist ein artifizielles Knacksen zu hören, als hörte man den Song von einer Platte (ich könnte mir auch vorstellen, dass das ein „echtes“ Plattenknacksen ist). Doch nach 1 Minute (da fangen die Streicher schon an zu nerven) bzw. 2,5 Minuten (da kommt der erste „Höhepunkt“) ist das auch schon wieder alles vorbei. Sigur Rós lassen die sigurros’sche Dynamik wie auf allen Alben auch hier wieder aufleben, teilweise wieder mit denselben Klängen wie auf den 3 Alben zuvor (man beachte wiederum die gepitchten Vocals wie sie auch schon auf „( )“ und allen Folgealben zu hören waren). Es kaskadieren die Streicher, es haucht der Jonsi und fertig haben wir einen Sigur Rós Song.
Der Sound allgemein ist ein klein wenig näher als er auf „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ war, Jonsis Stimme klingt ein klein wenig rauer und abgenutzter als sie das auf seinem Soloalbum oder vorherigen Sigur Rós Alben klang, es sind ein klein wenig die Parameter verschoben, die Elemente sind jedoch dieselben wie sie das auch schon immer bei Sigur Rós seit „Takk“ waren. Ich weiß eigentlich gar nicht, was der Bassist und der Schlagzeuger da in der Band noch wollen. Wahrscheinlich warten sie sehnsüchtig auf die Live-Konzerte. Hier scheint Jonsi das Zepter übernommen zu haben. Die beiden Höhepunkte in dem Song werden von Jonsis übereinandergelagerten und sich gegenseitig aus dem Klangweg schubsenden Streichern bestimmt, der Schluss des Songs ist ein schön ausklingendes Klavier, das sehr nah und mit allen Störgeräuschen aufgenommen wurde und dem Zeit zum Ausklingen gelassen wird.
Ich kann mich bei dem Opener von „Valtari“ nur wiederholen: Sigur Rós ist eine Band, der man seit 7 Jahren beim Ausklingen zuhört. Das ist alles sehr schön, keine Frage, aber es ist eine sterile Schönheit, eine Blaupausen-Schönheit, wie eine kalte schockgefrostete Version von Sigur Rós. Wir hören uns seit 3 Alben Outtakes von „Agaetis Byrjun“ und „( )“ an, wir haben Live-Alben und Heimatfilme zu ertragen. Auf „Agaetis Byrjun“ und „( )“ hat es noch geknallt, da war eine Band zu hören, die vor Visionen sprühte, diese Visionen kamen im Stillen und in der Lautstärke zum Tragen, diese Dynamik ließ einen erzittern, man schüttelte sich vor Ergriffenheit. Jetzt schüttele ich mich nur noch vor Grausligkeit.

Es gab in meiner bisherigen Musikerfahrung kaum ein Erlebnis wie die beiden Live-Konzerte von Liturgy im AJZ in Bielefeld. Beim ersten Mal hatte ich noch keinen Ton der Band je gehört und auch die Bandmitglieder nie gesehen. Als sie dann die Bühne betraten, dachte ich die Roadies bauen jetzt die Instrumente auf und machen Soundcheck. Aber es waren nicht die Roadies. Sie hingen sich ihre Instrumente um bzw. setzten sich hinter das Schlagzeug, schauten sich ein paar Sekunden an und was dann passierte, werde ich meinen Lebtag nicht vergessen. Es brach eine Welle aus Krach aus den Lautsprechern der PA und von der Bühne über die 30 Zuhörer herab, die zur gleichen Zeit unglaublich intensiv und melodiös und doch extrem hart war. Dazu schrie der Sänger Hunter Hunt-Hendrix wie bei lebendigem Leibe verbrannt in das Mikro, blieb aber selbst vollkommen ruhig in der Gestik, ganz im Gegenteil: er schaute wie verträumt ein wenig zur Decke hinauf. Liturgy kommen vollkommen ohne Black Metal Attitüde aus und haben nur den Sound dieses Genres kultiviert und weiterentwickelt. Die Live-Konzerte waren eine körperliche und geistige Erfahrung gleichermaßen. Der Drummer Greg Fox ist leider nicht mehr Teil der Band, ihn habe ich bei beiden Konzerten als einen unverzichtbaren integralen Bestandteil des gesamten Kunstwerks Liturgy empfunden, vor allem weil er ja den von Hunter Hunt-Hendrix propagierten Burst Beat umgesetzt hat. Liturgy prägen so den Post Black Metal oder die Dritte Welle des Black Metal ganz maßgeblich mit, stehen vielleicht sogar dort an der Spitze.

20120308_184500blog Gestern habe ich mir bei dem Gitarrenmann, bei dem ich vor 18 Jahren auch meine Epiphone Les Paul gekauft habe, einen Original 60’s Framus Body gekauft und werde jetzt offiziell mein Gitarreneigenbauprojekt starten. Als ich im letzten Herbst auf dem Musikerflohmarkt in Ibbenbüren war, hatte ich auch schon einige Teile für eine Gitarre in der Hand, legte sie aber alle wieder weg, weil ich wusste, dass ich in der Zukunft keine Zeit haben würde. Jetzt habe ich auch keine Zeit, aber diesen Korpus konnte ich gestern nicht liegen lassen, vor allen Dingen, weil er schon 50 Jahre alt ist. Es fügt sich mal wieder alles wie von selbst zusammen. Durch den Besuch gestern bei Paul kann ich jetzt mein schon lang gehegtes Projekt starten. Mal schauen, was mir als nächstes Teil über den Weg läuft. Ich brauche einen passenden Hals und passende Tonabnehmer, das ist das Wichtigste. Und dann noch die ganze Hardware dazu.

Alles nicht so einfach mit den verschiedenen Ebenen der Rebellion habe ich gestern so gedacht, als ich zdf.kultur geschaut habe. Eigentlich habe ich mich gefreut. Wie geil, habe ich gedacht, wie geil, dass es so einen Sender gibt. Und dann im nächsten Moment: Will ich das eigentlich? Will ich eigentlich einen coolen Sender haben, vor dem ich fett liegen kann und denken „Genau!“? Eigentlich nicht. Ich will ja selbst arbeiten. Ich will mir ja die Rebellion selbst zusammenbauen. Dafür muss ich gedanklich addieren und vor allem subtrahieren. Und dividieren. Und das kann ich nicht, wenn ich alles supi finde. Aber, könnte man einwenden, aber man kann sich doch einfach solidarisch zurücklehnen und mit zdf.kultur gemeinsam gegen das restliche Scheißfernsehen rebellieren? Okay, denke ich, okay dann muss ich mir die Frage stellen: Will ich hier nur auf Inhalte achten, oder geht es mir dann auch um die Struktur, Institution und den Apparatus Fernseher/Fernsehen? Ist das PER SE alles Dreck, einfach weil es Fernsehen ist und ich mich über zdf.kultur über dasselbe Prinzip nur mit einem Hipster-Anstrich verarschen lasse? Das weiß ich nicht. Aber ich bin misstrauisch. Ich kann der Coolness von zdf.kultur nur wenig trauen. Aber gut, wir haben es ja so gewollt. Jetzt können wir sehen, was wir in den 30ern noch mit unserer verkümmerten Rebellion machen.

Ich gehe wieder viel mehr aus. Und was sehe ich da? Kids. Kids, die ironisch sind. Kids, die nur verarschen. Aber sie können nichts dafür. Natürlich nicht, sie stehen unter immensem Druck in der Gesellschaft, in ihrer Gesellschaft, überall. Deswegen müssen sie alles offensichtlich scheiße finden, damit man ihnen nichts anhaben kann. Trotzdem habe ich in der Freitagnacht gedacht: Fickt euch, ich könnte euch eure Ironie um die Ohren hauen. Dann wurde der Techno lauter und ich habe die Kids vergessen.

Brute Force *† 1992
(Still) *† 1993
Black Embrace * 1993 – † 1994
(Still 2) *† 1994
Truant Co. * 1997 – † 1998
Cosima Fall *† 1999
The Same Minute Twice * 2002 – † 2004
Konvoi *† 2004, 2007, 2008 – 2010
Under Mountain * 2010 – † 2011
(The Discussion Class?) * 2012 –

Meine Taktik wäre folgende: wir bauen jetzt sofort die Mikros auf und spielen einfach hinein. Ich weiß nicht, wann ich das mal ansprechen werde aber ich sollte es tun. Ich will aber auch dieses fragile Schloß aus Ideen jetzt nicht zum Einsturz bringen.
Ich merke, dass ich innerlich schon wieder um diese Idee oder diese Vision kämpfe, die man da verfolgen kann, wenn man so will. Aber ich merke, dass es schon immer und wieder für mich in einer Band um einen Post-/Neo-/Postmodern-Rock geht, das weg von Konventionen will. Ein Zweiter Rock. Geboren ist das alles natürlich schon in meiner Solo-Zeit, aber bandmäßig habe ich nie daran geglaubt, bis The Same Minute Twice in einer bestimmten Phase waren. Knospe, Blüte, Welk, das beschreibt es schon ganz richtig. The legend and the weight that is The Same Minute Twice. Natürlich sind wir nicht an demselben Punkt. Es gibt gar nicht denselben Punkt. Derselbe Punkt ist ein Romantizismus, den es nicht gibt. Ich kann mich als Musiker nicht mehr mit dem Musiker von The Same Minute Twice vergleichen. Das ist Geschichte. Aber ich kann einen Mut vergleichen vielleicht (hunt-hendrixscher courage?) und den spüre ich aufwallen. Kommt mit dem Aufwallen der Kampf? Das wird man vielleicht in der nächsten Woche sehen.