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Archiv für den Monat Oktober 2012

Es stellt sich heraus, dass die Nachricht über den Verkauf von Lucasfilm an Walt Disney durch George Lucas bei mir etwas ganz Anderes auslöst, als ich das in den ersten Sekunden nach dem Lesen dieser Nachricht erwartet hätte. Zuerst war ich erschrocken, aber nur 1 Sekunde lang, weil ich dann schon gemerkt habe, dass dieses Erschrockensein nur Folge eines vorauseilenden Nachplapperns alberner Diskurse war. Der Grund: es war schon spät und ich wollte schlafen gehen, also war ich zu wenig herrschaftsdiskursfreiem Denken fähig. Eigentlich fühlte ich mich nämlich glücklich, weil ich im Prinzip schnell verstanden habe, warum George Lucas das gemacht hat. Nein, eigentlich fühlte ich mich zuerst noch glücklich, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, dass mich Star Wars Filme vielleicht mein Leben lang begleiten werden. Aber dass George Lucas seine kulturelle Hinterlassenschaft regeln will und dies über den Verkauf von Lucasfilm an Walt Disney macht, kann ich absolut nachvollziehen – dies ist mein überflüssiger Kommentar, mehr dazu später.

Mein erster Gedanke war, dass ich versuchen werde so wenig wie möglich Kommentare zu dieser Nachricht zu lesen. Weil ich davon ausgehe, dass sie maßgeblich das unqualifizierte Geplärre sein werden, was ich ein paar Beiträge vorher schon bejammert habe. Ich glaube, dass das bei Star Wars ganz schrecklich sein kann. Zu allen anderen unwichtigen Themen werden schon unzählige Kommentare abgegeben, aber zu Star Wars werden sie unendlich sein. Jeder wird etwas dazu zu sagen haben. Reflektierte Antworten kann man da kaum erwarten. Es wird darüber gejammert werden, dass Disney die Filme nur vor die Wand fahren kann, weil sie ja auch schon XYZ vor die Wand gefahren haben. Es wird pietätlose Kommentare dazu geben, dass George Lucas wohl Geld braucht, es wird unwitzige Witze über Jar Jar Binks geben, es wird all das ganze widerliche Widergekäue geben, was jegliches Denken über neue Star Wars Filme nur mit einem undurchdringbaren Mumpf vollwürgt. Ich muss wirklich versuchen das zu vermeiden. Stattdessen werde ich mich auf die Suche nach kleinen feinen wissenschaftlichen Artikeln machen, die meine Freude auf eine siebte Star Wars Episode 2015 nur noch erhöhen.

Wenn von der „Überwindung einer elitären Hierarchisierung kultureller Phänomene“ gesprochen wird, findet dabei immer noch eine elitäre Hierarchisierung der Überwinder über die Phänomene statt. Dabei werden wir als angebliche Überwinder gerade selbst durch kulturelle Phänomene überwunden und empfinden dies als Bedrohung. Wenn die kulturellen Phänomene sich also unserer Überwindung entziehen, sollte dies nicht als Scheitern an etwas vermeindlich Unverständlichem angesehen werden, sondern als eine von vielen Bewegungen im Oszillieren der verschwimmenden Grenzen zwischen Überwindern und Phänomenen.

Ich selbst bin seit Jahren unheimlich gehemmt, meine Meinung aufzuschreiben, da ich das Gefühl habe sie sei zu unfundiert. Wenn ich etwas aufschreibe, habe ich mich ja für etwas entschieden und das scheint zu schwierig zu sein. Vor allem wenn es um meine Meinung nicht meine Gefühle betreffend geht, sondern wenn ich über einen Gesellschafts-Zustand oder eine ganze Welt wie die Literatur schreibe. Und doch kreisen all diese Meinungen in meinem Kopf herum, und dort türmt sich ein Stau aus 10 Jahren auf. Mein Gott, über was ich nicht schon alles schreiben wollte. Und meistens kam dann etwas über mein Nicht-Vermögen dabei heraus. Ich habe Listen mit Themen, über die ich schon immer mal schreiben wollte, die sind sehr alt und sehr lang. Und mein Gedächtnis ist da auch nicht mehr das Beste. Gute Formulierungen kommen mir unter der Dusche oder vor dem Einschlafen, so wie bei allen Anderen auf. Ganz selten kann ich mir das bis zum nächsten Morgen merken, oder bis ich mich abgetrocknet habe. Aber was ich geschafft habe: seit August 2010 schreibe ich wieder Tagebuch, regelmäßig und richtig viel, und deswegen tut es mir auch nicht so leid, wenn ich hier wieder einmal etwas über das Nicht-Schreiben schreibe.

Heute Nacht habe ich geträumt, dass ich sehr lange an einem Facebook-Eintrag herumgeschrieben habe, der dann ungefähr so lauten sollte: „Von dieser am schnellsten vergessenen Generation der Gegenwart wird in der Erinnerung nicht viel mehr zurückbleiben, als wie sie ihre Club Mate Flasche gehalten haben.“

Dieser Traum beunruhigt mich. Zum Einen habe ich das Gefühl und ich vermute, dass der Traum mir zeigen könnte, dass ich mich zu viel mit den Moden der Jugend beschäftige, und – ich habe gestern selbst eine Flasche Club Mate gekauft.

Vielleicht reagiere ich zu sensibel, aber ich kann mir Kommentare im „Internet“ nicht mehr durchlesen. Damit meine ich Kommentare bei Spiegel Online, ZEIT Online, Facebook, überall. Es ist unglaublich, wie respektlos, wie unreflektiert, wie unverhohlen dumm manche Leute sind. Und gemein sind sie dazu. Ich möchte da auch einen großen Unterschied zwischen dem unreflektierten Hinausblähen von Nullmeinungen und KRITIK machen. Eine KRITIK ist nicht verletzend, bestenfalls polemisch, bezieht dann aber auch gleich die eigene Unzulänglichkeit mit hinein, eine Kritik ist reflektiert, das heißt man hat KURZ abgewägt und sich selbst die Frage gestellt, ob man vielleicht falsch liegen könnte. Eine KRITIK weiß, dass sie nicht bevormundend Verbesserungsvorschläge machen kann, sie will einen Raum öffnen. Und das bezieht sich absolut nicht nur auf Deutschland. Keineswegs. Bei den Kommentaren auf auf offiziellen Facebook-Accounts von weltweit gelesenen Websites sieht man internationale Stumpfheit vorherrschen. Takt- und Pietätlosigkeit, trampelhafte Egoausbreitung sind da die Regel. Aber vielleicht nehme ich auch die Kommentarfunktionen allgemein zu ernst und sehe nicht, dass die Leute nicht wirklich das Gefühl haben etwas ernstgenommen kommentieren zu können und sind von vornherein alles aber nicht ernsthaft. Dann machen sie nur schlechte Witze. Ich kann mir die Kommentare im Internet nicht mehr durchlesen – aber ich tue es trotzdem weiterhin.