Wer Fotos schießt, macht sich verdächtig.

Was die Diskussion um angebliche „private Daten“ losgetreten hat, schlägt mir auf den Magen. Eigentlich wollte ich was Anderes schreiben und das anders formulieren, aber dazu fehlt mir gerade die Kraft. Heute Morgen blieb ich auf dem Weg zur Arbeit kurz stehen um ein Foto zu machen. Mein Motiv war aufgetürmtes Brennholz, fotografiert durch einen Maschendrahtzaun. Mein Motiv war: die Sonne schien so schön darauf, es sah hübsch aus. Ich zog mein Telefon aus der Tasche und fotografierte. Ich befand mich an einer Straße, dort fuhr ein Auto vorbei, der Fahrer schaute mich ängstlich-entgeistert-misstrauisch an. Was fotografiert der Mann da und was hat er möglicherweise mit dem Foto vor, sagte sein Blick. Welche Privatsphäre wird da gerade verletzt, sagte sein Blick. Ich verletzte niemanden, auch nicht das Brennholz. Die Diskussion um Privatsphäre, Instimsphäre, was alles mit Fotos geschehen kann, welche Daten mir „gehören“, hat ein Misstrauen entstehen lassen, das mindestens genauso schlimm ist wie das, was durch die Weitergabe dieser Informationen durch eine bestimmte Gruppe befürchtet wird. So trifft man auf Menschen, die vollkommen grundlos und unüberlegt vehement die Einstellung vertreten und verteidigen, es dürfe niemals nirgends und unter keinen Umständen ein Foto von ihnen im Internet auftauchen. Und auch Anschrift und Geburtsdatum scheint ein sehr hohes privates Gut geworden zu sein, dass man unbedingt schützen muss. „Mein Daten gehören mir“ tönt es überall, aber was von irgendwelchen Daten gehört überhaupt mir? Kann man das irgendwie besitzen? Und wenn etwas davon mir gehört, wieso soll ich das dann eigentlich nicht abgeben oder verbreiten dürfen? Der Focus titelte vor längerer Zeit mit einem Foto von Mark Zuckerberg und dem Satz: „Dieser Mann weiß alles über sie.“ Nach wie vor vertrete ich die Meinung, dass ein Leben sehr sehr arm sein muss, wenn Facebook mit den wenigen Möglichkeiten zur Freigabe von privaten Daten schon alles über mich wissen könnte. Dann sollte ich mir nicht über Facebook Gedanken machen, sondern darüber schleunigst was auf dem eigenen Leben zu machen.

Es geht mir überhaupt nicht darum, festlegen zu wollen, was privat und geheim und intim ist. Und daraus ableiten zu wollen, was geschützt werden muss. Es geht mir eher darum nachzufragen, woher eigentlich der Diskurs wissen will, was privat und intim ist. Woher kommt diese Gewissheit, dass die bei Facebook vorhandenen Daten mein Leben widerspiegeln könnten? Wo genau kommt diese Angst vor der Weitergabe von Daten her? Ich höre dann immer: „Ja, ich will nicht, dass man mich anruft und mir was verkaufen will. Ich will das einfach nicht.“ Gut, das ist vielleicht unangenehm, aber ist das wirklich eine Grundsatzdiskussion um Privatsphäre wert? Alles, was Facebook nicht von mir wissen soll und darf, könnten die auch gar nicht wissen, selbst wenn ich das wollte. Dieses Wissen könnte ich nur über eine seitenlange Statusmeldung preisgeben. Natürlich gibt es da Grenzen, natürlich müssen Kinder besonders geschützt werden, aber es werden hier durch die Diskussion Prinzipien mit Dampfwalzen ausgerollt, die es praktisch unmöglich machen, z.B. draußen noch ein Foto zu machen. Die, wenn man selbst nicht mitspielt, den Eindruck erwecken, man würde gewisse Dinge nicht mehr wertschätzen. Und das möchte ich mir ehrlich gesagt wirklich nicht vorwerfen lassen. Ich trüge einem Werteverfall Rechnung, weil ich mich auf Facebook öffentlich zeige. In einem gewissen Kreis kommt inzwischen das Kümmern um einen Facebook Account dem Sich-Nackt-Ausziehen auf dem Marktplatz gleich. Ich will mir diese trügerische Symmetrie der immer noch vorhandenen kritischen Theorie der Frankfurter Schule, die in diesem Herrschaftsdiskurs weiterwirkt, nicht mehr anhören müssen.

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