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Archiv für den Monat Mai 2013

In den letzten Jahren taten sich immer wieder Klugscheißer hervor, die andere Leute beim Ausspruch: „Das macht Sinn“ sofort hechelnd verbesserten, „Sinn machen“ wäre ein eingedeutschter Anglizismus, „make sense“, und in einem Aufwasch wurde die deutsche Sprache dem Tode geweiht, und gerade noch beim Ausspruch „Sinn machen“. Es müsste „das ergibt Sinn“ heißen, was aber mindestens genauso deppert ist. Wenn ich aus der Mathematik her denke und dort über die Summen rede, dann „ergeben“ die etwas. X plus Y ergibt Z. Und das wäre ja das Neueste, wenn Sinn etwas Errechenbares wäre. Dann stelle (mache) ich den Sinn lieber selber her.

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Die Lyrik verhält sich zum Rest der Literatur, wie das „Bild sich zu den Worten verhält“. Sie nimmt unzulässige Abkürzungen. Und das ist das, was die Kunst immer bleiben wird: nicht erklärbar, sinnfrei, dreidimensional. Trotzdem muss eben deswegen die wichtige Reibung mit der Sprache bleiben.

Poetry Slams haben wenig mit Poesie zu tun. Eher mit Comedy. Ganz platt und direkt gesagt. Alle Poetry Slams, die ich bisher durchstehen musste, waren Standup Comedy Shows. Nicht, dass da etwas schlimm dran wäre. Aber der einzige Grund, warum das noch unter Poetry Slam läuft, ist die Entschuldigung für die unlustigen Passagen. Die kann man dann ganz weit entfernt als Lyrik titulieren. Die Stellen, an denen keiner lacht. Mal ganz abgesehen davon, dass die Vortragssituation eine ganz besondere ist und deswegen auch besonders betrachtet werden muss, ist das laut vorgetragene Geschmiere der meisten Performanten indiskutabel. Wer bei Poetry Slams am meisten und lautesten schreit oder eine Dynamik von Laut und Leise performiert, bekommt die meisten Lacher = „gewinnt“ den Abend. Dass das Ganze als eine Ellenbogenveranstaltung aufgezogen wird, in der man GEGENEINANDER antritt und GEWINNEN kann, zieht der letzten Ebene von Poesie den Boden unter den Füßen weg. Es gibt also auf Poetry Slams angeblich beste und schlechteste Lyrik. Ist ja ganz klar: wenn besonders viele Schreihälse im Publikum sitzen, die auch ansonsten einen lauten polternden Charakter haben, schreien die für die Figuren, die ihnen am nächsten kommen. Also auch die lautesten polterndsten Performer des Abends. Der Kapitalismus hat hier ganz klar gewonnen und zeigt allen anderen die Nase. Aber wer jetzt glaubt, dass man dann ja heimlich und still wenigstens für die kleinen leisen Mädchen sein könnte, die eben nicht so laut vortragen können und ganz verschüchtert vor den Mikrofonen stehen, hat sich geirrt. Die besudeln den Zuhörer dann nämlich mit ihren Kleinmädchen-Vorstellungen von Poesie: Wolken am Himmel, Flügel ausbreiten und wegfliegen. Selbst wenn jemand ein echtes Gedicht mitbrächte, dass auch nur im entferntesten Sinne die Magie von Lyrik vermitteln könnte, hätte derjenige gar keine Chance zwischen den ganzen gekränkten Egos die sich auf einem Poetry Slam gesundsabbeln, aufzufallen und herauszustechen. Der- oder diejenige würde nur den Abend stören. Ich kann mir gut vorstellen, dass alle Gedichte, die in den letzten 15 Jahren von Menschen zwischen 14 und 30 geschrieben wurden, niemals von jemand anderem gehört oder gelesen wurden als von den Schreibern selbst.

Ist der inhalt eines Mediums immer ein anderes Medium? Egal, auf jeden Fall merke ich einen starken selbstreflexiven Bezug hier im Weblog seit ein paar Jahren. Sind ja auch nur ein paar Beiträge in den letzten Jahren. Oftmals geht es dann ums Schreiben hier im Weblog oder allgemein. Aber ich bin zufrieden damit, es soll wohl im Moment so sein. Ich bin auch zufrieden, weil Psychospaltung dadurch so unkaputtbar scheint. Psychospaltung taucht irgendwie immer wieder auf. Und sei es nur, um über sich selbst zu sprechen.

Heute Nacht habe ich geträumt, dass ich mit einer kleinen Gruppe von Menschen eine Zombie-Apokalypse überlebe. Als wir mehr oder weniger gerade sicher sind, dass wir die meisten Zombies gekillt haben, sehen wir in der Ferne eine Atombombenexplosion. Zuerst verstehe ich gar nicht, dass es eine Atombombenexplosion ist, bis G. einen Fluch ausstößt, der auf nichts Anderes schließen lässt. In Erwartung der Druckwelle oder eines Tsunamis drehe ich mich zu den Anderen um und sage: „War super, oder?“ Damit meine ich die Welt und die Menschheit und überhaupt alles.