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Archiv für den Monat Dezember 2013

In diesem Jahr mache ich den Musik-Jahresrückblick mal ein bisschen anders. Anstatt wieder die Bands mit in die Top 10 aufzunehmen, die sowieso jedes Jahr reinkommen – ohne sie unerwähnt zu lassen – versehe ich heute nur die Top 5 Bands mit einem Kommentar, die neu in diesem Jahr hinzugekommen sind, auch wenn sie „alt“ sind. Außerdem werde ich mich auch mal um die Top 10 Songs des Jahres kümmern. Los geht’s…

TOP BANDS 2013

5. Portishead

Alle drei Alben von Portishead klingen unterschiedlich, und alle drei Alben haben auf ihre Art eine ganz eigene Portishead-Handschrift. In 2013 nehmen sie mit 121 Plays Platz 5 ein und spielen sich mit einer Mischung aus allen drei Alben in meine Charts. Ich hab immer gedacht: Das dritte Album klang nicht mehr wie Kino, sondern wie Fernsehen und diese Post-/Proto-Modernität tut sich auf vielen Tracks hervor. Portishead sind bei mir etabliert als ganz feste Größe.

4. 31knots

Endlich einmal kommt auch die Band in die Charts, die ihre vielen Plays in meiner Liste mit fast ausschließlich einem Album erreichen, einem Album das tatsächlich nie und nimmer langweilig wird und sich 2004/2005 in meinen Kopf eingenistet hat, als ich es immer auf dem Arbeitsweg nach Gelnhausen gehört habe. Der sehr ruhig gehaltene Math-Rock von 31knots gespielt auf einer knochentrockenen SG ist absolut unnachahmlich gewesen.

Bad Religion

3. Depeche Mode

Allein die Singles machen bei Depeche Mode in diesem Jahr für mich den Kohl fett. Auch hier bin ich froh, dass diese Band es mal in die Jahrescharts schafft. Einfach weil sie auch zu denjenigen gehört, die ich eigentlich in den seltensten Fällen wegklicke.

Lawrence, Nirvana, Radiohead, Beastie Boys

2. Atoms For Peace

Auch wenn ich hier dieses Mal nichts über Radiohead schreibe, schleicht sich Thom Yorke doch durch ein Hintertürchen in die Charts. Naja, es ist mehr ein riesengroßes Tor an einem prachtvollen Schloß. Atoms For Peace haben ein Album rausgebracht, das sehr nach Thom Yorkes Solosachen klingt und natürlich sehr vertrackt und kopflastig wirkt. Trotzdem ist es richtig gut geworden, was man von den Live Performances meines Erachtens nicht behaupten kann. Auch wenn meine Plays da gegen Ende des Jahres total absacken, wird das Album definitiv eine sehr lange Halbwertszeit behalten.

1. Boards of Canada

Fast unangefochten auf Nummer 1 in diesem Jahr eine altbekannte Elektronik-Band namens Boards of Canada, deren Musik karikaturistisch als Vorbild genommen wurde, und mit denen sich irgendwann alle verglichen, und die ständig als Referenz genommen wurden. Man war Boards of Canada ein bisschen über, und als ich das neue Album gehört habe, habe ich zuerst gedacht: Hm ja, ein Boards of Canada Album halt, was soll damit jetzt sein? Später habe ich mehr zulassen können, dass ich ja genau diese Sounds mag, und dass es GERADE nach den ganzen Schleifen, die elektronische Musik inzwischen gedreht hat, vollkommen taktisch klug ist, ein Album aufzunehmen, das klingt, als wäre es direkt einen Monat nach Geogaddi erschienen. Und so ist „Tomorrow’s Harvest“ für mich auch das Album Nr. 1 2013.

TOP 10 SONGS 2013

10. Simon & Garfunkel „Scarborough Fair/Canticle“

Ein Fehler in der mp3 von „Scarborough Fair“ wollte es so, dass sich der Titel Ewigkeiten auf meinem Telefon hält und deswegen auch in die Top 10 Einzug hält. Der kleine Holperer bei der Stelle „true love“ klingt so absichtlich, als hätte The Field einen Remix gemacht. Sowieso ist dieser Song wunderschön, verdienterweise also in den Charts.

9. Arcade Fire „Reflektor“

Wenn David Bowie im letzten Drittel des Songs aus dem Hall heraus in den Song erscheint, dann ist das so als würde Papa den Indie-Kids mal zeigen, wo der Bartel den Most herholt. David Bowies paar Zeilen in dem Song sind so autoritär vorgetragen, dass man vor ihm nicht mehr und nicht weniger als eine Verbeugung machen kann. Und es ist zurecht autoritär produziert, vor Bowie verbeugt man sich gerne. Dass der ganze Rest des Songs dann sowieso eine gewagte Oberklasse im Indie darstellt, bringt den Song auf Nr. 9 in meinen Charts.

8. Animal Collective „Monkey Riches“

Monkey Riches ist ein eher ungewöhnlicher Song für Animal Collective, weil er so mollig klingt und dabei so elektronisch klirrt. Ich kann gar nicht genau beschreiben, warum dieser krachige Song mir so gut gefällt, aber es ist definitiv mein Lieblingssong von Animal Collective ever bisher.

7. MIT „Univers“

MIT sind eine unbeachtete deutsche Band, die einen kalten Neu-Entwurf kraftwerk’scher Elektronik mit deutschem Liedermacher-Pop auf beste Weise verknüpfen. Will keiner hören, weil sie nicht über langweilige Alkohol-Abstürze singen und sich keine wohlig-warme Alt-68er Zeit zurückwünschen.

6. Depeche Mode „Shake the Disease“

Stellvertretend für das gute Abschneiden von Depeche Mode in meinen Jahrescharts steht hier „Shake the Disease“, aber hier könnten auch einige der anderen Singles stehen. Blame the Zufallsgenerator.

5. Tyler, the Creator „Yonkers“

Ich hab den Hype verstanden und so, und ich kann kaum verklären, dass mich das auch mit beeinflusst hat, aber ich zieh mir jetzt mal meine eigenen Schlüsse aus dem Zugetansein zu „Yonkers“. Das „Krasse“ daran. Punkt.

4. MIT „Pudong“

s.o.

3. Atoms for Peace „Ingenue“

Die Top 3 Songs sind wirklich Songs für die Ewigkeit, muss ich sagen. Alle drei Songs haben mich dieses Jahr so umgehauen… „Ingenue“ besticht durch eine unendlich komplizierte und mollig-traurige Synthie-Melodie, die unfassbar schön ist. Was klickerklacker dahinter passiert und Thom Yorkes Geheule und so ist das passende Beiwerk, aber Hauptdarsteller ist diese Melodie.

2. Waterbodies „How to burn Bridges“

Mein Cousin Adrian hat das Video zu diesem Lied gedreht, und wenn dieser Alternativ-Rock-Kracher nicht schon an sich voll geil wäre, das Video würde es endgültig rausreißen. How to burn Bridges ist eine Blaupause an allem guten, was Alternative Rock ausgemacht hat, aber auch an allem guten, was davon übrig geblieben ist.

1. Survival „Tragedy of the Mind“

So, und mit Tragedy of the Mind sind wir wahrscheinlich bei DEM Song der letzten 10 Jahre angekommen. Klingt ganz schön hochtrabend, aber im Moment fühlt es sich so an, als würde dieser Post-/Math-/Hardrock-Song mich auf ewig für viele Dinge versauen. Der Sound ist hier in Perfektion gehalten, trocken und nüchtern und zurückhaltend aufgenommen – hier hat jedes Instrument einen gleichberechtigten Platz. Ich habe in den letzten 10 Jahren keine verzerrte Gitarre gehört, die so perfekt verzerrt klang wie die Gibson SG von Hunter Hunt-Hendrix auf dem ganzen Album. Der Song an sich klingt wie eine relaxte mathematische Gleichung, als hätte man den hektischen Prog, der so beliebt geworden ist, eine Stufe langsamer abgespielt. Der chantige Gesang wirkt hypnotisierend, so wie der ganze Song wie eine Math-Trance-Seance klingt. Ein Gebet und ein Hoch auf das Riffing, das bei Hunter Hunt-Hendrik rauskommt. Wenn Hardrock 2013 immer noch und wieder für ziemlich stumpfes Gehabe und trampelnde Rhetorik und Bildersprache steht, und wenn nicht das, dann nur für  das Zitieren alter Klassiker, dann schaffen Survival es auf ihrem Album, dieses Dogma abzuschütteln, was wirklich nicht leicht gewesen sein muss. „Tragedy of the Mind“ ist innerhalb eines Jahres mit 69 Plays ganz weit oben gelandet. Nichts hat mich in den letzten Jahren so süchtig gemacht an Musik wie dieser Song.