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Archäologie der Songs

(Gestern im IKEA fiel mir wieder das auf, was ich schon seit längerem über Lawrence‘ „Somebody told me“ schreiben wollte. Ich frage mich, ob Peter Kersten, bevor er diesen Track komponierte, im IKEA einkaufen war, denn die ersten beiden Töne des Stückes, ein B und ein F# in der hellen und hohen Klangfarbe eines Glockenspiels sind exakt die Anfangstöne des Durchsagesignals im IKEA. Bevor dort verkündet wird, dass ein Kind im Smalland (wird das so geschrieben? Da fehlt warscheinlich der Kreis auf dem a) abgeholt werden will oder ähnliches, kommt auch da ein B und ein F# im Glockenspiel-Sound.)

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Im Sommer 2003 muss ich sehr oft „The Right Wing“ von Luomo im Auto gehört haben, denn es gibt nur noch wenige Tracks, die heute im Kopf so sehr mit einer bestimmten Gefühlsphase konnotiert sind, mit einem bestimmten Duft, einer bestimmten Jahreszeit verbunden. Luomos „The Right Wing“ war so eine Art Verheißung für mich, eine Fata Morgana der elektronischen Musik, ein Vorläufer dessen, was dann im Herbst/Winter 2003 mit dem Verhältnis zwischen Techno und mir passierte. Ich kam auf das Album Vocalcity durch einen Artikel in der INTRO wie ich meine, in der von Luomo als Träumer oder Romantiker des Techno gesprochen wurde und das konnte ich nicht so recht glauben. Ich bin durchaus bereit anzunehmen, ich hätte einfach vorige Aussagen über die Fähigkeit von Techno, melancholisch und bescheiden und scheu zu sein, komplett ignoriert, aber 2003 geschah etwas im Techno-Diskurs, das einiges verändert hat. 2003 war das Jahr, indem letzte Dogmatismen in meiner Generation verschwanden, die vorher Lager in Gitarre (warm, echt, freundlich, intelligent, nachdenklich)/Nicht-Gitarre (oberflächlich, kühl, substanzlos, unecht, dumm) gespalten hatten. 2003 ließ auch ich mich endlich in die Schönheit von elektronischer 4/4-Musik fallen, wo sie vorher nur in notwistscher Art existieren durfte. Also tüftlerisch aber nicht seidenmatt geschweige denn glanzvoll. Es gab nur wenige Schattierungen im Techno vorher für mich und 2003 löste das endlich alles auf. Luomos „The Right Wing“ war da mit seiner matten, kompromisslosen aber doch sanften Art praktisch Wegbereiter. Kurz abgeschnitte Moll-House-Samples taten mit Geisterstimmen und weichen 4/4-Bassdrums in diesem Track ihr übriges, und ich konnte endlich Techno hören. Ich kann mich erinnern, dass es Abende im Sommer 2003 gab, an denen ich nur wegen diesem Track ins Auto stieg, um durch die Gegend zu fahren. Es gab noch andere Tracks, die in diesem Jahr eine große Rolle spielten, das waren Akufens „Even white horizons“, Ellen Alliens „Sehnsucht“ und „Trash Scapes“, Alben von Sami Koivikko und Sascha Funke. All das bereitete den Weg für den Winter 2003 und Lawrence‘ „The absence of blight“, der mich dann endgültig wegfegte.