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Ich komme natürlich ein bisschen reichlich spät hier mit meiner Kritik zu „Macht und Rebel“ von Matias Faldbakken… ich bitte um Entschuldigung.
So kaputt und unmoralisch, wie die Figuren Macht und Rebel in „Macht und Rebel“ sind, sie wären schon lange tot. Hätten sich erhängt ob der Diskrepanz zwischen ihnen und der Gesellschaft, deren Spiegel sie ja angeblich sein sollen. Die Aussage Faldbakkens ist ja nicht: schaut mal her, wie kaputt man werden kann, sondern: schaut her, so kaputt sind alle! Eigentlich. Wenn man den Leuten die MASKE VOM GESICHT REISST! Oder wenn man beschreibt, was alle den ganzen Tag so machen. Auf dem Klo sitzen und pissen und scheißen z.B. Oder minderjährige Mädchen verführen.
Aber wo liegt die Grenze zwischen sich provozieren zu lassen und sich ekeln und wütend werden? Matias Faldbakken hat sie definitiv überschritten. Einzig und allein kein Talent wird hier von ihm und durch ihn beschrieben. Am laufenden Band Ekelhaftigkeiten, Grausamkeiten und Tabubrüche aneinanderzureihen, ist nicht schwer. Man macht einfach eine Liste mit Dingen, die gesellschaftlich verpönt sind und verbindet sie lose mit hanebüchenen gesellschaftlichen Interaktionen; diese ganzen Leute, die Rebel trifft (bis er auf Macht trifft). Man möchte meinen, ein Mensch, der die Welt so sehr hasst und so kaputt ist, könne gar nicht mehr unter Menschen, respektive würde es so gut es geht vermeiden, sich mit irgendjemandem zu treffen. Aber nein, er kennt den und jenen und trifft sich auch mit denen und jenen. Viele Passagen lesen sich wie Verschriftlichungen von Pornofilmen, was ja an sich vielleicht eine interessante Idee für ein Buch wäre, aber Faldbakken will ja eigentlich mehr. Ansonsten würde er ja nicht zwischen die Ekelhaftigkeiten soziale Begebenheiten verschiedener Art – unüberschaubar verknüpft und unmotiviert hingeschmiert – einstreuen.
Matias Faldbakken rechne ab, überschlagen sich die Kritiken. Er rechne ab mit der Konsumgesellschaft. Nur mal am Rande: die Konsumgesellschaft rechnet sich schon selbst ab, indem sie auf dem Berg des Minus sitzenbleiben wird, welches sie selbst durch den Konsum und anderem erschafft. Da brauche ich doch keine Fäkaliensprache oder Tabubrüche von einem Matias Faldbakken.
Auf dem Buch selbst steht: Wer Houellebecq mag, wird Faldbakken lieben!
Wie bitte? Michel Houellebecq verknüpft jede Handlung mit einem Motiv. Bei Michel Houellebecq ist erkenn- und erlesbar, wieso die Protagonisten das tun, was sie tun. Auch wenn man danach suchen muss. Die explizite Darstellung von Sex und Gewalt bei Michel Houellebecq steht in einem Kontrast zum Rest der in den Büchern beschriebenen Dinge, z.B. zu den Gegenden, in denen sich das Geschehene abspielt. Bei Faldbakken gibt es keine Kontraste, es gibt nur eine Litanei zwischen der Ekelhaftigkeit der Welt und der Ekelhaftigkeit in Rebels und Machts Kopf. Einzig und allein die Markenhaftigkeit der Gesellschaft, das Sich-Binden an Zeichen und „Brands“ ist eine interessante und wichtige Beobachtung bei Faldbakken, nur wird auch sie fast schon vorhersehbar in regelmäßigen Abständen verwendet.
Natürlich kann man Houellebecq wegen expliziter Sprache lesen, aber man muss schon danach suchen, zwischen sehr viel formeller Disziplin und Inhalt. Bei Faldbakken gibt es das nicht. Hier kann man jede beliebige Seite aufschlagen und man findet irgendeine Ekelhaftigkeit. Matias Faldbakken ist der Versuchung erlegen, aufzureihen, anstatt sich die Mühe zu machen, dem Geschehen und den Figuren Tiefe zu geben. Es klingt banal, aber für ein banales Buch gibt es vielleicht auch nur banale Tipps: beim nächsten Mal weniger Provokation und mehr Form und Inhalt.

1. Kapitel
1,1 Das Hohelied Salomos (a) . 1,2 Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist
lieblicher als Wein. 1,3 Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum
lieben dich die Mädchen. 1,4 Zieh mich dir nach, so wollen wir laufen. Der König führte mich in seine
Kammern. Wir wollen uns freuen und fröhlich sein über dich; wir preisen deine Liebe mehr als den Wein.
Herzlich lieben sie dich.

Das ist sehr langweilig, immer das Hemd zuerst und dann die Hosen darüber zu ziehen und des Abends ins Bett und morgens wieder heraus zu kriechen und einen Fuß immer so vor den anderen zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll. Das ist sehr traurig, und dass Millionen es wieder so machen werden, und dass wir obendrein aus zwei Hälften bestehen, die beide das nämliche tun, so dass alles doppelt geschieht – das ist sehr traurig.

Es ist gar nicht so schwer, Gene zu isolieren. Man nehme irgendwelches Gemüse, werfe es in den Mixer, mische etwas Wasser dazu, bis es suppig wird, gieße die Suppe durch ein Sieb in eine Schüssel, kippe Spülmittel und unter Rühren einen Löffel Weichspüler dazu. Dann fülle man das Gemisch in eine Glasschale und lasse vorsichtig seitlich am Glas Alkohol hineinrinnen, der oben auf der Gemüsebrühe schwimmt. Nun braucht man nicht lange zu warten, bis weißes, fadenartig verklumptes Zeug aufsteigt. Das ist die DNA des Gemüses, und die unterscheidet sich in nichts von unserer eigenen.

Demnächst mehr.