Archiv

The 1000 tracks of my iPhone Playlist

Ich musste letztens darüber nachdenken, wie viele der Alben, die in meinem Leben für mich maßgeblich waren, eigentlich älter als 20 Jahre sind. Es sind tatsächlich sehr viele. Die Alben der englischen Band Anathema gehören bis einschließlich The Silent Enigma ebenfalls dazu. Ein Song sticht unter allen stark hervor, das ist der sehr atmosphärische Track „Kingdom“ von der Pentecost III EP. Dieser Track verbindet Doom und Post-Rock auf bis dato und seitdem unerreichte Weise. Aus dem Doom stammt das Tempo, die schleppenden herunter gestimmten Gitarren, die Growls von Sänger Darren White, die Metal Riffs und so weiter; aus dem Post-Rock sind die Reverb und Delay Effekte entlehnt, die aber eigentlich auch erst danach noch im Post-Rock auftauchen werden. Für mich persönlich ist dieser Song mit höchsten Emotionen verbunden, die Dynamik, die Breaks, alles ist perfekt arrangiert. Anathema selbst haben sich seitdem stark anders entwickelt und sich auch immer mehr von diesem Sound distanziert. „Kingdom“ bleibt für mich ein Meilenstein der besten im Metal und Rock vorhandenen Elemente. 

Ein hoffnungsloser Fall von Hippie-Rock plätschert „Woodstock“ von Matthew’s Southern Comfort vor sich her wie ein Grünen-Parteitag 2016. Trotzdem werde ich den Song nicht los, dafür ist er für sein Genre viel zu gut. One-Hit-Wonder scheißegal, der Song spiegelt wie eine Blaupause Gitarrensounds und Produktion einer Zeit wider, die niemals wiederkommen wird. Dieser Hippie-Rock hat leider das Ziel von Frieden und Liebe nicht zementieren können – Woodstock selbst war schon die Parodie der Friedensbewegung. Stattdessen sind in „Woodstock“ die Sounds dieser Zeit auf ewig festgehalten. Lusche Snares, Steel Pedals so sanft wie Gänseblümchen und ein Gesang so verstrahlt wie Fukushima am ersten Tag. 

At the Drive-In’s „Arcarsenal“ habe ich mal attestiert, mich aus dem Koma ins Leben erwecken zu können. Das war auch hier im Weblog, glaube ich. Ich bin immer noch dieser Meinung, da mich dieser aufgeregte Zappelcore und Mix aus verqueren Melodien, die einzeln gespielt keinen Sinn ergeben würden, immer noch sehr anmacht. Ich halte generell viel von dem Album, da es sehr texturell produziert ist und so komplex aufgebaut, dass es kaum langweilig werden kann. Ich mag auch, dass ich an diesem Album lange arbeiten musste, bis ich es mochte. „Arcarsenal“ wird so schnell nicht vom Smartphone verschwinden. 

Mitte der 90er Jahre gab es eine Handvoll guter Black Metal Alben aus Skandinavien – eins davon war „The Shadowthrone“ von Satyricon. Der Opener „Hvite Krists Død“ weicht seit Ewigkeiten von keinem Player in meinem Leben, da man bei diesem Track das Vibrieren spüren kann, das Black Metal nur selten erzeugt (hat) – Intelligentes Songwriting, schnelle und langsame Parts, Gitarren-Riffs und Ambient-Keyboards, perfekte Produktion, nicht zu fett, nicht zu lo-fi. Durch den Hype ging es für Bands wie Satyricon nach 1995 nur noch bergab muss man leider sagen. „Hvite Krists Død“ kann als Blaupause für die Struktur eines perfekten Black Metal Songs dienen: verwaschene E-Gitarren mit viel Mitten und Treble produziert, Blast Parts entwickeln ihre Kraft durch die Abwechslung mit langsamen Rhythmen, Keyboards spielen eine fast gleichberechtigte Rolle, drängen sich aber nicht zu sehr in den Vordergrund – es sei denn, es wird ihnen ein eigener Part eingeräumt, und die Vocals sind makellos. Die Produktion des Albums und dieses Tracks ist vollkommen transparent. Die Produktion ist hell und fordernd: Was den Black Metal vom Death Metal u.a. unterscheidet ist die Art, schneidende Gitarren und Vocals hervorzubringen anstatt zu growlen und zu riffen. Diese Herangehensweise schlägt sich auch im Sound von „The Shadowthrone“ nieder. Trotzdem klingt das ganze Album nie wie ein Versuch, sich dem Mainstream anzubiedern. Wer von der Öffentlichkeit unbehelligt seine Kreativität entfalten kann, erschafft die beste Musik – 1994 stand der Black Metal kurz vor der Explosion und es konnten die letzten Alben aufgenommen werden, die 20 Jahre später immer noch Black Metal Musiker inspirieren. Oft kopiert und nie erreicht könnte man im Fall von Satyricon, The Shadowthrone und „Hvite Krists Død“ sagen. Das Lied wird niemals alt und niemals langweilig, es klingt nie outdated. Die nächsten 20 Jahre bleibt es sicherlich noch auf meinem Player.

Gestern beim Hören von „Matters from Ashes“ von 31knots fiel mir auf: Wenn Prog-Rock den Pomp im Sound und in der Produktion abstreift, ist es eins der cleversten Genres in der Popmusik. Mit „It was high time to escape“ haben 31knots 2003 ein Lo-Fi Prog-Rock Album aufgenommen, das in der Produktion und im Sound sehr stripped down klingt und deswegen den Hörer in das Prog-Rock Haus hineinbittet. Wenn der klassische Prog-Rock mit Bombast-Produktion wie ultrafetten Gitarren und schmatzigen Bassdrums mit gemasterten Elementen eher wie ein unbetretbarer Palast wirkt, ist „It was high time to escape“ die alte Landhaus-Villa mit Altbaucharme. Dieser verschwurbelte Mist mal wieder nur deswegen, weil ich spontan schreibe und es mir, wie immer, schwerfällt ein paar tolle Argumente schnell raus zu hauen: Die Songstrukturen sind vertrackt, die Melodien sind vertrackt, und doch lassen 31knots immer noch eine Tür mit Melodie und Dramatik offen, mit weichem Gesang und Power-Chord Takten, die einen Kontrast zu frickeliger Elektronik bilden. Diese Mischung macht für mich eins der tollsten Alben der letzten 15 Jahre aus und mit „Matters from Ashes“ sicherlich das beste Lied von dem Album.

Durch den Sprung vom Hardrock, Metal und Death Metal zum Grunge, Indie Rock und Alternative Rock änderte sich ab 1991-1993 einiges in meinem Leben. Damals dachte ich, ich müsste der ganzen Proleten Musik abschwören. Nachdem ich dann verstanden hatte, dass das nicht so eindimensional und analog funktioniert, konnte ich mich wieder zum Death Metal hingezogen fühlen und voller Lust all das hören, was ich als 14-15 jähriger so geliebt hatte. Hier also Morbid Angel, die mit „Blessed are the Sick“ ein wundervoll trocken produziertes  vertracktes Death Metal Album aufgenommen haben.

Als ersten Eintrag meiner neuen Kategorie „The 1000 tracks of my iPhone playlist“ wähle ich Radiohead „Codex“ vollkommen ohne speziellen Zusammenhang. Der ergibt sich vielleicht doch, wenn man sich anschaut, dass ich für „The King of Limbs“ als Album eine Weile länger als für die anderen Alben brauchte und mich ein wenig scheue, mir jetzt „A Moon Shaped Pool“ anzuhören. Zu „The King of Limbs“ entwickelte ich irgendwann die spezielle Beziehung, die Radiohead eben von Album zu Album entwickeln. Die Tiefen der Songstrukturen ergeben sich dort eben erst nach mehrmaligem Hören. So auch bei „Codex“, der durch seine Stille und Sparsamkeit im Lärm während des Unterwegs-Hörens erst einmal untergeht. Getragen von Beat, Bass, Stimme und ein paar schönen Klängen entwickelt der Song aber nach kurzer Zeit eine starke Sogkraft: Man segelt auf dem Song irgendwie wie aufs Meer hinaus, eingelullt in einen Schlafgesang. Spärlich und doch atmosphärisch sehr dicht skippe ich diesen Track selten weiter, auch wenn ich unterwegs bin und da eher lautere Songs zünden.