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Probe Objektiv

Ist es eigentlich wirklich möglich heutzutage in einer Band zu spielen und sich keine Gedanken über die politische Auswirkung der eigenen Ausrichtung Gedanken zu machen? Und wenn man das tut, kommt man dann nicht zu der Erkenntnis, dass man daran arbeiten sollte das Etablierte, Klassische und Konventionelle zu hinterfragen und dann eben anders zu arbeiten? Und kann es sein, dass es nach wie vor wichtig ist, eine gewisse Machtposition innerhalb des musikalischen Schaffens vom Thron zu stoßen und sie durch oszillierende Parallelitäten zu ersetzen? Als Bsp.: welche Gegensatzpaare gibt es also heute? Ich würde sagen Song und Skizze. Noten und keine Noten. Proben und spielen. Rhythmus-/Melodiesektion und Gleichberechtigung. Das soll reichen. Wenn man sich anschaut, was z.B. der Krautrock an klugen Gedanken hervorgebracht hat, wie kann man dann noch darauf hinarbeiten einen gewissen Standard zu erreichen, den jeder halt so hat. Das interessiert mich dann doch eigentlich nicht mehr. Es sei denn, ich habe jeglichen Kunst aus meinem Arbeiten hinausbefördert und möchte nur noch „Geld“ machen – das es nicht mehr gibt. Ich kann das nicht. Ich kann so nicht arbeiten. Und deswegen bin ich gestern aus dem aktuellen Projekt ausgestiegen – wieder einmal.

Brute Force *† 1992
(Still) *† 1993
Black Embrace * 1993 – † 1994
(Still 2) *† 1994
Truant Co. * 1997 – † 1998
Cosima Fall *† 1999
The Same Minute Twice * 2002 – † 2004
Konvoi *† 2004, 2007, 2008 – 2010
Under Mountain * 2010 – † 2011
(The Discussion Class?) * 2012 –

Meine Taktik wäre folgende: wir bauen jetzt sofort die Mikros auf und spielen einfach hinein. Ich weiß nicht, wann ich das mal ansprechen werde aber ich sollte es tun. Ich will aber auch dieses fragile Schloß aus Ideen jetzt nicht zum Einsturz bringen.
Ich merke, dass ich innerlich schon wieder um diese Idee oder diese Vision kämpfe, die man da verfolgen kann, wenn man so will. Aber ich merke, dass es schon immer und wieder für mich in einer Band um einen Post-/Neo-/Postmodern-Rock geht, das weg von Konventionen will. Ein Zweiter Rock. Geboren ist das alles natürlich schon in meiner Solo-Zeit, aber bandmäßig habe ich nie daran geglaubt, bis The Same Minute Twice in einer bestimmten Phase waren. Knospe, Blüte, Welk, das beschreibt es schon ganz richtig. The legend and the weight that is The Same Minute Twice. Natürlich sind wir nicht an demselben Punkt. Es gibt gar nicht denselben Punkt. Derselbe Punkt ist ein Romantizismus, den es nicht gibt. Ich kann mich als Musiker nicht mehr mit dem Musiker von The Same Minute Twice vergleichen. Das ist Geschichte. Aber ich kann einen Mut vergleichen vielleicht (hunt-hendrixscher courage?) und den spüre ich aufwallen. Kommt mit dem Aufwallen der Kampf? Das wird man vielleicht in der nächsten Woche sehen.

Am 20. April probten J. aus Bielefeld, der altbekannte A. und ich zum ersten Mal in Bielefeld. Inzwischen kann man sagen, dass sich unser Proben klassisch zu einem recht ernsten und festen Projekt entwickelt hat. Und das Schöne dabei ist: es geht dabei tatsächlich um die Songs. Bisher sind es 5 an der Zahl, wir haben noch keinen Bandnamen und noch nicht einmal Arbeitstitel, was ganz vielleicht noch mehr bedeutet, dass es uns um die Songs geht. Seit gestern haben wir auch einen neuen festen Drummer, das ist der gute C. aus H. Wir sind nun also zu viert und suchen noch nach einem Elektroniker und einem Sänger. Das ist dann auch das einzig richtig schwierige der Zukunft mit dieser Band. Inwiefern werden sich die Songs verändern, wenn ein Sänger dazu kommt? Wird es dann allzu poppig oder schmalzig oder werden diese Regeln für uns eh nicht mehr gelten? Keine Ahnung. Ich würde aber nicht sagen, dass man mit Biegen und Brechen Vocals in diese Songs packen müsste. J. will das aber wahrscheinlich doch. Wir werden sehen, wie es mit KONVOI Ende Juli oder Anfang August weitergehen wird, und wie sich dann diese Band gestaltet.

Ich habe mich in den letzten Wochen und Monaten vehement (zumeist innerlich) gegen diese Drone-/Instrumental-Schiene gewehrt und versucht, Konvoi (mit Hilfe von A.) woanders hin zu heben. Es hat nicht funktioniert. Es scheint so zu sein, dass diese Lust auf Drones immer in uns bleiben wird und die eben fast nur beim Improvisieren befriedigt wird. Beim Schreiben von Songs innerhalb der Band geht alles auf ein Zeitlupentempo zurück. Vielleicht weil uns die Zeit im Nacken sitzt, aber ich glaube eher, dass wir fürs Songwriting in der falschen Besetzung sind. Vielleicht wissen wir aber auch gar nicht, wie das genau geht. Songs werden also keine neuen geschrieben, aufgenommen schon, denn wir spielen wieder zumeist einfach und nehmen auf. Dabei sind die Instrumental-Rock-Stücke überwiegend, wobei diese wesentlich positiver und nicht so schwer klingen wie in den letzten Wochen von TSMT. Heute habe ich die ersten endgültigen Mixes von ein paar Songs angefertigt, bis Mitte Januar sollen dann ein paar CDs fertig sein. Danach wird uns wieder ein Schlagzeuger fehlen und ich glaube nicht, dass sich das so leicht beheben lassen wird. Zwei alte Songs sind ebenfalls wiederbelebt: Ride = Right und (Lost) Grey Valley.
Trotz allem macht das Spielen großen Spaß und wir beschweren uns auf hohem Niveau. Hey, wir proben zumindest regelmäßig!

KONVOI lebt seit einger Zeit wieder auf, und unlängst ist M. mit eingestiegen, der damals bei TSMT ausgestiegen war/rausgeworfen wurde. Die Geschichte ist also folgende: Im Frühjahr/Sommer 2004 gründen sich KONVOI in der Besetzung F., A. und ich mit dem Bestreben ein paar Aufnahmen zu machen, bis ich dann wegziehe. Es kommt zu den „Städte“-Aufnahmen, wobei nur einer der Songs ein halbwegs kontrollierter ist: Miami. Die anderen sind improvisiert. Es wird ein paar Mal geprobt und dann ist das Ganze auch schon wieder vorbei. Vereinzelt finden in den Jahren danach Jams mit KONVOI statt, aus denen weitere Aufnahmen hervorgehen. Seit dem Sommer 2009 wird wieder regelmäßig geprobt, mit der Prämisse ein wenig hin zum geregelten Songwriting zu gehen. Seit Anfang November ist nun M. festes Mitglied und manchmal läuft es dadurch besser, die Reibungen sind aber auch mehr geworden. Vor allem seit wir echte Songs schreiben wollen, merken wir, dass wir das gar nicht gewohnt sind und daher auch erstmal nicht können. Geplant ist jetzt erst einmal bis Ende Januar, da F. dann für lange Zeit das Land verlässt. Eigentlich wollte ich es vorantreiben, weiter an Songs zu schreiben und zu arrangieren, allerdings fällt es mir schwer, die Zeit mit Songschreiben zu verschwenden, wenn wir eh nicht mehr so viel Zeit haben… Vielleicht doch lieber unsere Improvisationsstärke ausspielen und so viel gutes Material abschöpfen wie es nur geht. Gestern stand dann mehr oder weniger bei einer Listening-Session von A. und mir der Wunsch, alte TSMT-Songs zu rejuvenieren. Nächste Probe abwarten und dann besprechen.

Ich habe heute meinem Ärger über die letzten Proben von KONVOI Luft gemacht. Das Ganze gegenüber A., der nicht alles dafür kann, aber mindestens genausoviel wie ich selbst. Hauptproblem der ganzen Sache ist: jetzt wo die Proben mehr und regelmäßiger werden, fehlt mir ein Gespräch über die Richtung der Band. Die kann kaum im Voraus bestimmt werden, zumindest aber im Nachhinein rekapituliert. Mir ist aufgefallen, dass mir dieses Instrumental-Rock-Ding stinkt. Es war okay für die quartalsweisen Proben, aber mit regelmäßigerem Proben kommt in mir der Wunsch auf, kompaktere Songs mit komplexerem Arrangement und Gesang zu schreiben. Innerhalb einer Band habe ich das noch nie gemacht. Selbst bei BLACK EMBRACE 1994 wurden im Bandkollektiv Instrumental-Songs geschrieben. Es ist für den Moment in der Probe bisher immer okay gewesen und es macht auch irgendwie Spaß, aber es hinterlässt mehr und mehr einen schalen Nachgeschmack, wenn man mal wieder auf drei Akkorden eine Viertelstunde herum jammt, dabei mal lauter und mal leiser wird und irgendwann vollkommen ausrastet, bis es zuende ist. Irgendwie landen wir immer wieder an diesem Punkt. Es ist halt so, dass A. und ich da vielleicht auch an unsere Grenzen stoßen, aber wir testen sie eigentlich gar nicht aus. Ich möchte wirklich an Songs arbeiten und ich möchte vor allen Dingen darüber reden, was gewollt wird von allen Seiten. Ich möchte nicht als der einzig Doofe dastehen, der die ganze Sache ernst nimmt. Für mich ist es etwas Besonderes, zu proben. Zweites Problem ist der Impuls innerhalb der Band. Der muss bisher immer von mir kommen. Sowohl A. als auch F. warten darauf, dass ich anfange zu spielen. Und wenn ich mal ganz provokativ abwarte, werde ich angegrinst, weil sich alle bewusst sind, dass es immer gleich abläuft. Ich spiele eine Melodie und die beiden anderen steigen darauf ein. Bei den letzten Proben habe ich gemerkt, dass mich das anstrengt. Ich will nicht mehr alleine die Impulse geben, ich möchte mich auch einmal zurücklehnen und irgendwo mit einsteigen und mitspielen. So laufen alle immer nur dem hinterher, was ich vormache. Auf die Dauer passt mir das nicht.

Es gibt ein Feld das fruchtbar ist, verschont vom Klima, auf dem die Geräte zur Bearbeitung bereitstehen. Aber es ist verlassen, nur heute kamen wir als drei Bauern und begannen an die Ernte zu denken, während wir das Feld bestellten. Die Arbeit war schweißtreibend, kniend, sitzend, stehend beackerten wir das Feld und fanden viele viele Steine. Für einen geringen Ertrag arbeiteten wir viel. Unsere Magen waren leer, wir hatten Hunger. Wir machten vieles falsch, rissen kleine Pflänzchen heraus und hielten Unkraut für Nahrung. Von der Leere zur Fülle wünschten wir uns den Boden, den Mutterboden, unter unseren Füßen, der als einziges immer da gewesen war. Zwischendurch machte die Arbeit das Drumherum vergessen, dann wieder stand man sich selbst viel zu nahe, verlassen von der Weite des Ackers. Wir ernteten und verließen das Feld. Wir werden wiederkommen, irgendwann, denn wir kennen das Feld, wir kennen die Arbeit.