Als ersten Eintrag meiner neuen Kategorie „The 1000 tracks of my iPhone playlist“ wähle ich Radiohead „Codex“ vollkommen ohne speziellen Zusammenhang. Der ergibt sich vielleicht doch, wenn man sich anschaut, dass ich für „The King of Limbs“ als Album eine Weile länger als für die anderen Alben brauchte und mich ein wenig scheue, mir jetzt „A Moon Shaped Pool“ anzuhören. Zu „The King of Limbs“ entwickelte ich irgendwann die spezielle Beziehung, die Radiohead eben von Album zu Album entwickeln. Die Tiefen der Songstrukturen ergeben sich dort eben erst nach mehrmaligem Hören. So auch bei „Codex“, der durch seine Stille und Sparsamkeit im Lärm während des Unterwegs-Hörens erst einmal untergeht. Getragen von Beat, Bass, Stimme und ein paar schönen Klängen entwickelt der Song aber nach kurzer Zeit eine starke Sogkraft: Man segelt auf dem Song irgendwie wie aufs Meer hinaus, eingelullt in einen Schlafgesang. Spärlich und doch atmosphärisch sehr dicht skippe ich diesen Track selten weiter, auch wenn ich unterwegs bin und da eher lautere Songs zünden.

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Mit einer halbherzigen Geste verabschiede ich mich heute neuerdings vom Konsum der sozialen Kanäle Twitter, diversen Weblogs – und bleibe bei meiner bereits seit einiger Zeit vorhandenen Verweigerungshaltung gegenüber Kommentaren unter Leitartikeln und den meisten Internetforen. Diese Geste ist halbherzig ausgeführt, jedoch ist dem gegenüber eine hoher Frustrationspunkt erreicht. Habe ich selbst als early adopter früh mit dem Konsumieren und Bedienen sozialer Kanäle begonnen, hat die Frustration über fehlende Stufen der Reflexion innerhalb dieser extrem zugenommen. Der Senf kommentiert den Senf und es gibt eigentlich gar keine Wurst mehr. So kann man das Ganze formulieren, mit einem Humorlevel, der den Witzen auf Twitter sehr gerecht wird. Ich glaube nicht mehr an die Gegenbewegung, die Twitter und Weblogs und Kommentare sein könnten. Zumindest nicht in der ersten Welt. Hier sind die Egos inzwischen zu groß, und die Profilneurosen zu verbreitet. Stattdessen werde ich fortan ein alter Furz werden, der von Büchern und Print schwärmt und den Untergang der kulturellen Welt in den digitalen Medien sieht. Ich kann mir einfach nicht den 34829. Blogbeitrag über die Lebens- und Weltgedanken einer Schreibergeneration durchlesen, die noch nie über den Rand ihres mit Fast Food gefüllten Tellers geschaut hat – obwohl alles sehr schnell verfügbar wäre. Helmut Schmidt hat mal davon gesprochen, dass er sich nicht mit Tagespolitik beschäftigen möchte, zu dieser Kategorie ist innerhalb der Politik aber auch anderer gesellschaftlich relevanter Kategorien der Stunden-, Minuten- und Sekundentakt hinzugekommen. Zu schnell und irrelevant für mich, meine kleine geistige Welt und Meinung, und mein kurzes Leben. Aktivismus und Aktionismus sind keine Instrumente des Widerstands mehr, sondern vom vorherrschenden Systemkatalog einverleibte Techniken der Relativierung vieler Bedeutungen geworden. Bleibt nicht viel mehr als sich auf einige alte Publikationswege zu konzentrieren, die in mancher Hinsicht noch einen Filter für relevante und durchdachte Meinungen aufweisen. Im Internet ist das nicht mehr der Fall, das Stimmengewirr zu laut und eben – ein Gewirr.

Ich saß mit Freunden irgendwo rum und fragte sie: warum krümmt sich da hinten die Erde so komisch. In einiger Entfernung konnte man abgemähte Weizenfelder und Wiesen sich krümmen sehen, sie standen hoch wie Dielenbretter, die feucht geworden sind und sich vom Boden nach oben lösen. Aber so weit hoch wie ein Hochhaus ist. Ich fragte das immer wieder und meine Freunde schauten beschämt und betrübt auf den Boden, so als wüssten sie was da los ist und wollten es nur nicht wahrhaben. Dann sah ich immer mehr Fehler in der Matrix, Leute die doppelt auftauchten usw. Ich sagte den anderen: die beobachten uns und scannen die ganze Welt. Ich wollte mit einem Kumpel fliehen und plötzlich tauchte hinter uns eine Drohne auf, die uns festnehmen wollte, ich überwältigte sie und fand in ihrem Inneren ein paar kleine Waffen: kleine Granaten und Elektro Schocker, es war der Anfang des Widerstands.

So wie die letzten Jahre, will ich hier im Weblog wenigstens noch mein Musik-Jahr rekapitulieren, wenn schon ansonsten so wenig geschrieben wird. So wie im letzten Jahr, werde ich mich um die neuen Top Bands kümmern, anstatt auf die immerwährend gleichen einzugehen. Und auch die Top Tracks werden dieses Jahr wieder beachtet. Quelle für all das ist wie immer Last.fm und der Last.fm Explorer von Two three fall.

TOP 5 BANDS 2014 (neu)

5. REAL ESTATE

Real Estate fungieren immer dann als wunderbarste Band, wenn man nach Ruhe und Ausgeglichenheit sucht. Sosehr die Beatles wohl in den 60er Jahren auch aufrührerisch waren, so sehr strahlte die Musik Ruhe aus. Ähnlich geht es mir mit Real Estate. Sanftheit und Verträumtheit sind hier die Begriffe, die mir maßgeblich einfallen. Real Estate funktionieren dann bei mir auch wirklich sehr gut als Album-Band.

4. MANOWAR

Zu der Zusammenstellung dieser „neuen“ Top 5 Bands werde ich gleich unten noch einmal was schreiben, aber Manowar schälen sich als eine Band heraus, die ich seltsamerweise selten weiterskippe. Es kam in 2014 sicherlich nicht ein einziges Mal vor, dass ich zuhause auch nur einen Song dieser Band angemacht habe. Bin ich aber unterwegs, skippe ich im Zufallsmodus selten an Manowar vorbei. Und es handelt sich dabei auch nur um die beiden 80er Alben Battle Hymns und Kings of Metal.

3. TORTOISE

Und auch Tortoise sind Altbekannte, die wieder einmal in die Charts eingetaucht sind. Tortoise sind, ganz anders als Manowar bspw., eine ausschließliche Album-Band für zuhause. Post-Rock wird für mich immer noch durch ihren Sound definiert, aber ich habe den Diskurs-Kampf um die Namensvorherrschaft zwischen Instrumental-Rock und Post-Rock aufgegeben. Das Zusammenfügen von Jazz und Rock und Pop und Elektronik mit ungewöhnlicher Instrumentierung und ohne Gesang war für mich immer das, was das Post in Post-Rock ausgemacht hat.

NIRVANA, BOARDS OF CANADA, RADIOHEAD, BAD RELIGION, LAWRENCE

2. THIEVERY CORPORATION

Thievery Corporation vervollständigen mit dem Top 1 Artist meine Lust auf das Feeling, das ich in den 90er Jahren in Bezug auf elektronische Musik hatte. Sanft löste sie mich von den Gitarren des Metal wie ein Spudger den Akku in einem iPhone löst. Ich war stark in diesem Gitarren-Dings verhaftet als auch schon die Elektronik kam und mich aus Konservatismus und reaktionärer Denke rettete. Thievery Corporation gehörten mit nur einem einzigen Album, The Mirror Conspiracy, ganz maßgeblich dazu.

1. APHEX TWIN

Eine Überraschung hält jedes Jahr bereit, und in diesem Jahr ist es ganz sicher und mit Abstand das neue Aphex Twin Album Syro. Ich hab von Syro geträumt und ich hab Syro gelebt. Syro war ein Grower, der aber sehr schnell gewachsen ist. Syro hat all das für mich verkörpert, was die 90er an Elektronik bereit hielten. So sehr ich unterwegs immer auf die Gitarren gesetzt habe und der Anteil der Gitarrenmusik mengenmäßig sicher größer ist als die der elektronischen Musik, war das bewusste Hören hier zuhause doch sehr auf die Elektronik eingeschossen. Und das ist auch gut so. Syro hat abdelivert, aber sowas von. Jeder Track klebt von dem honigartigen Gemisch aus verfrickelter Elektronik und weichen melodiösen Synthies. Es ist bestechend, und es hat richtig gutgetan, dass dieses so gehypte Album Eingang gefunden hat.

SOUNDGARDEN

TOP 10 SONGS OF 2014

10. Mogwai „Ratts of the Capital“

2014 fand ich ein wenig meinen Frieden mit Mogwai, die ich eine Weile relativ verachtet habe ob ihres immer wiederkehrenden Sounds im Instrumental-Rock. Aber 2014 hatte ich wieder Lust auf die Dynamikbögen, die mich einst so beeindruckt haben, und so griff ich oft auf meine Favourites der letzten 10 Jahre zurück, vor allem eben auf die Songs des Happy Songs Albums, das ich immer noch am liebsten mag.

9. Brutal Truth „Ill Neglect“

Vielleicht auch stellvertretend für meine immer noch groß vorhandene Lust auf den Death Metal der frühen 90er Jahre, steht hier Brutal Truths „Ill Neglect“, hier könnte auch Inpropagation von Carcass oder Abominations von Morbid Angel stehen, aber die Riffs des Death Metals von damals turnen mich immer noch mehr als an.

8. Waterbodies „How to burn bridges“

siehe 2013

7. Aphex Twin „Papat…“

siehe Top 5 Bands 2014

6. Logh „Ghosts“

Ein schmählich vernachlässigter Song in den letzten Jahren, hat „Ghosts“ seinen Weg endlich auf meinen Player zurückgefunden. Logh gehören einfach zu den Top 5 neuen Bands der letzten 15 Jahre in meinem Leben, und dieser Song ist hier nur stellvertretend für das Gesamtwerk wenn man so will. Auch wenn 2014 nicht so ein großes Logh-Jahr für mich war.

5. Kerbdog „Dry Riser“

Kerbdog sind eine der Grunge/Metal/Crossover-Bands der 90er Jahre, die wohl im Matsch der Majorfirmen großgezogen wurden, die aber dennoch die ein oder andere sehr gute Idee hatten. Damals hat man über MTV alles mögliche aufgesogen, was mit verzerrten Gitarren daherkam, Kerbdog und diese Single waren eine der Bands, die sehr schnell wieder verschwanden. Für mich persönlich verschwand dieses Lied auch für eine ganze Weile, bis ich es letztes Jahr wieder ausgrub.

4. Survival „Tragedy of the Mind“

siehe 2013

3. 88 Fingers Louie „100 Proof“

Vor gut 10 Jahren hörte ich viel Core, Melody-Core, Death-Core, Core Core Core. Die Emotionalität die durch weinerlich vorgetragene Vocals transportiert wurde, schmeichelte mir sehr. Und ich konnte mir gut vorstellen, selbst solche Musik zu machen – dazu ist es nie gekommen. Viele dieser Songs habe ich mir damals überhört, und so ist auch „100 Proof“ für eine Weile in der Versenkung verschwunden, aber auch diesen Song habe ich gegen Ende des Jahres wieder ausgegraben und ganz neu für mich erfunden.

2. Chad VanGaalen „Bones of Man“

siehe Jahre zuvor

1. Father John Misty „Hollywood Forever Cemetary Sings“

Pitchfork brachte mich auf Father John Misty, der der Schlagzeuger der Fleet Foxes ist und auf diesen Song, der irgendwie auf einer Besteliste stand, ich bin jetzt zu faul genau nachzuschauen auf welcher. Ich höre den Song und bin von den Elementen und der Zusammenstellung paralysiert. Elektrische Gitarren fast nur mit Mitten, ein reverberiertes Schlagzeug, und dann die bestechend weiche Stimme von J. Tillmann, dieser Song ist ein absoluter Wahnsinn. Und vor allem auch in verschiedenen Versionen im Internet als Video zu sehen, und jede Version ist irgendwie voll gut.

Alles in allem war 2014 wieder ein heterogenes Jahr, an der Zusammenstellung der Top 5 Bands kann man das wirklich sehr gut sehen. Nicht, dass es mir besonders peinlich wäre, dass Manowar darin auftauchen, es zeigt eigentlich wie sehr mein Geschmack über das Jahr verteilt wenig festgefahren zu sein scheint. Es gibt auch viele Künstler und Songs, die von Jahr zu Jahr nicht gehen sondern wachsen und immer wieder da sind und auch für immer bleiben, das finde ich sehr schön. Ich wünsche mir für 2015 eigentlich genau wieder das es eine Überraschung einer neuen Band oder meinetwegen auch eine Überraschung eines Künstlers wie Aphex Twin gibt, dann bin ich mit 2015 musikalisch genauso zufrieden wie mit 2014 auch.

Früher habe ich immer gedacht, dass man sich gut versteht, wenn man die gleichen Interessen hat. Und nicht nur das, ich habe gedacht, dass gewisse Interessen mit gewissen Charaktereigenschaften verbunden wären. Künstlerisch inspirierte und interessierte Menschen habe ich für gefühlvoll und empathisch gehalten, und warmherzig, vielleicht auch großzügig. Menschen ohne großes Interesse an etwas habe ich für oberflächlich und kalt gehalten, teilnahmslos und rücksichtlos.

Am Anfang eines Gedanken stand oft die Unterscheidung zwischen Mainstream und dem Underground, ganz egal um was es ging. Ein gewisses Abseits habe ich dabei immer als gewolltes Abseits empfunden. Man hatte sich dafür entschieden abseits zu stehen, bzw. für überhaupt etwas entschieden, also einen eigenen Weg gesucht und dann gemerkt, dass man mit dieser Entscheidung automatisch ins Abseits gerät.

Aber Signifikant und Signifikat sind getrennt, kennen sich manchmal gar nicht und meine Vermutungen und Gefühle stellten sich als gefährlich naiv dar. Ich habe Vertrauen in Dinge und Menschen gesetzt, die letztendlich zu einem Leidensdruck geführt haben – ich bin mehr und mehr unglücklich geworden. Ganz besonders die Verbindung unter Menschen war mir – anscheinend – immer mehr und mehr wichtig. Wie man einmal geknüpfte Verbindungen plötzlich einfach so lösen konnte, jemanden mutwillig verletzen, im Stich lassen oder beleidigen, das hatte ich nie verstanden. Und außerdem: die größten Arschlöcher können den besten Musikgeschmack haben.

Ich war niemals in der Lage besonders intelligent meinen Vorteil zu suchen, für meine Rechte einzustehen und Anderen Grenzen aufzuzeigen. Stattdessen war ich immer davon ausgegangen, dass Andere, genau so wie ich, versuchen würden, die Grenzen des Gegenübers zu ertasten und dann zu respektieren und nicht weiterzugehen. Aber dem ist nicht so, es gibt ein Ausnutzen passiver und aktiver Art, es wird gehandelt bevor nachgedacht wird. Damit meine ich: selbst wenn man jemanden nicht vorsätzlich verletzen will, tut man das schon in dem Moment, in dem man unachtsam ist.

Ich komme auf diese ganzen Sachen die da oben stehen, weil so viele Beispiele in mein Blickfeld geraten, die ermüdend und verärgernd wirken. This Will Destroy You’s neuestes Album bzw. die Kommentare dazu auf Last.fm sind heute der Anstoß für diesen kleinen Artikel hier. Sinngemäß wurde dort gesagt: „Ey, das ist Post-Rock, ich erwarte 30-minütige Odysseen und nicht 3-minütige Ausflüge.“ Ich hab mich gefragt, wie man so unverblümt unverschämt sein kann. Was ist eigentlich passiert, dass man 1. so etwas empfindet, und 2. so etwas auch noch öffentlich herausplärrt? Haben die Leute wirklich keinen Respekt mehr vor der Autonomie eines Künstlers? Sich darüber beschweren, dass der eigene Wunsch nicht erfüllt wird? Bei einer Band wie This Will Destroy You? Ich verstehe es nicht. Bzw. verstehe ich es doch, aber ich will es nicht wahrhaben und akzeptieren.

Ich möchte irgendwie immer noch, dass sich die Welt um meine Vorstellungen von ihr dreht, und nicht umgekehrt. Aber das wird sie niemals tun. Es wird wirklich Zeit, das zu akzeptieren. Sonst ist bald nichts mehr von mir übrig, außer der Angst zu existieren.