Mitte der 90er Jahre gab es eine Handvoll guter Black Metal Alben aus Skandinavien – eins davon war „The Shadowthrone“ von Satyricon. Der Opener „Hvite Krists Død“ weicht seit Ewigkeiten von keinem Player in meinem Leben, da man bei diesem Track das Vibrieren spüren kann, das Black Metal nur selten erzeugt (hat) – Intelligentes Songwriting, schnelle und langsame Parts, Gitarren-Riffs und Ambient-Keyboards, perfekte Produktion, nicht zu fett, nicht zu lo-fi. Durch den Hype ging es für Bands wie Satyricon nach 1995 nur noch bergab muss man leider sagen. „Hvite Krists Død“ kann als Blaupause für die Struktur eines perfekten Black Metal Songs dienen: verwaschene E-Gitarren mit viel Mitten und Treble produziert, Blast Parts entwickeln ihre Kraft durch die Abwechslung mit langsamen Rhythmen, Keyboards spielen eine fast gleichberechtigte Rolle, drängen sich aber nicht zu sehr in den Vordergrund – es sei denn, es wird ihnen ein eigener Part eingeräumt, und die Vocals sind makellos. Die Produktion des Albums und dieses Tracks ist vollkommen transparent. Die Produktion ist hell und fordernd: Was den Black Metal vom Death Metal u.a. unterscheidet ist die Art, schneidende Gitarren und Vocals hervorzubringen anstatt zu growlen und zu riffen. Diese Herangehensweise schlägt sich auch im Sound von „The Shadowthrone“ nieder. Trotzdem klingt das ganze Album nie wie ein Versuch, sich dem Mainstream anzubiedern. Wer von der Öffentlichkeit unbehelligt seine Kreativität entfalten kann, erschafft die beste Musik – 1994 stand der Black Metal kurz vor der Explosion und es konnten die letzten Alben aufgenommen werden, die 20 Jahre später immer noch Black Metal Musiker inspirieren. Oft kopiert und nie erreicht könnte man im Fall von Satyricon, The Shadowthrone und „Hvite Krists Død“ sagen. Das Lied wird niemals alt und niemals langweilig, es klingt nie outdated. Die nächsten 20 Jahre bleibt es sicherlich noch auf meinem Player.

Gestern beim Hören von „Matters from Ashes“ von 31knots fiel mir auf: Wenn Prog-Rock den Pomp im Sound und in der Produktion abstreift, ist es eins der cleversten Genres in der Popmusik. Mit „It was high time to escape“ haben 31knots 2003 ein Lo-Fi Prog-Rock Album aufgenommen, das in der Produktion und im Sound sehr stripped down klingt und deswegen den Hörer in das Prog-Rock Haus hineinbittet. Wenn der klassische Prog-Rock mit Bombast-Produktion wie ultrafetten Gitarren und schmatzigen Bassdrums mit gemasterten Elementen eher wie ein unbetretbarer Palast wirkt, ist „It was high time to escape“ die alte Landhaus-Villa mit Altbaucharme. Dieser verschwurbelte Mist mal wieder nur deswegen, weil ich spontan schreibe und es mir, wie immer, schwerfällt ein paar tolle Argumente schnell raus zu hauen: Die Songstrukturen sind vertrackt, die Melodien sind vertrackt, und doch lassen 31knots immer noch eine Tür mit Melodie und Dramatik offen, mit weichem Gesang und Power-Chord Takten, die einen Kontrast zu frickeliger Elektronik bilden. Diese Mischung macht für mich eins der tollsten Alben der letzten 15 Jahre aus und mit „Matters from Ashes“ sicherlich das beste Lied von dem Album.

Durch den Sprung vom Hardrock, Metal und Death Metal zum Grunge, Indie Rock und Alternative Rock änderte sich ab 1991-1993 einiges in meinem Leben. Damals dachte ich, ich müsste der ganzen Proleten Musik abschwören. Nachdem ich dann verstanden hatte, dass das nicht so eindimensional und analog funktioniert, konnte ich mich wieder zum Death Metal hingezogen fühlen und voller Lust all das hören, was ich als 14-15 jähriger so geliebt hatte. Hier also Morbid Angel, die mit „Blessed are the Sick“ ein wundervoll trocken produziertes  vertracktes Death Metal Album aufgenommen haben.

Als ersten Eintrag meiner neuen Kategorie „The 1000 tracks of my iPhone playlist“ wähle ich Radiohead „Codex“ vollkommen ohne speziellen Zusammenhang. Der ergibt sich vielleicht doch, wenn man sich anschaut, dass ich für „The King of Limbs“ als Album eine Weile länger als für die anderen Alben brauchte und mich ein wenig scheue, mir jetzt „A Moon Shaped Pool“ anzuhören. Zu „The King of Limbs“ entwickelte ich irgendwann die spezielle Beziehung, die Radiohead eben von Album zu Album entwickeln. Die Tiefen der Songstrukturen ergeben sich dort eben erst nach mehrmaligem Hören. So auch bei „Codex“, der durch seine Stille und Sparsamkeit im Lärm während des Unterwegs-Hörens erst einmal untergeht. Getragen von Beat, Bass, Stimme und ein paar schönen Klängen entwickelt der Song aber nach kurzer Zeit eine starke Sogkraft: Man segelt auf dem Song irgendwie wie aufs Meer hinaus, eingelullt in einen Schlafgesang. Spärlich und doch atmosphärisch sehr dicht skippe ich diesen Track selten weiter, auch wenn ich unterwegs bin und da eher lautere Songs zünden.

Zeit für eine letzte Rezension auf Psychospaltung. Anlass ist Faith No Mores neues Album „Sol Invictus“, dass dieser Tage erscheint/erschienen ist, wen interessiert das schon. Ich sehe mich auch lediglich zu einer letzte Rezension veranlasst, weil Faith No Mores „Angel Dust“ sicherlich zu den Top 10 für mich persönlich besten Alben gehört. Es ist eins der wenigen Alben, die für mich niemals langweilig werden. Das neue Album ist erwartbar schlecht geworden. Dabei sind mir zwei Sätze in den Sinn gekommen:

1. Wichtig ist nicht, wer jetzt die Songs schreibt, was die Lyrics sagen, welche Noten die Gitarren spielen oder sonstwas inhaltliches. Wichtig ist, mit wem man ins Studio geht.

2. Jede Pipifax-Band aus den USA hat mehr innovative Ideen, was den Sound verzerrter Gitarren angeht.

Zu 1.: Das Album ist überraschenderweise glatt und poliert produziert. Oder vielleicht auch nicht überraschenderweise. Überraschenderweise weil ich immer noch naiv genug bin zu glauben, Innovation setze sich fort. Tut sie aber nicht. Die Produktion ist nicht detailliert oder überlegt oder feingeschliffen, sie klingt wie das erstbeste Preset von Logic Pro X. Alles einfach fett mittig hörbar nach vorne gemixt, Kompressor drauf, und damit im gleichen Soundraum wie jedes beliebige Top 40 Album in den USA. Vorbei die Zeiten, in denen Songs nicht nur anders geschrieben wurden, sondern auch eine andere Klangfarbe besaßen.

Zu 2.: In der gleichen Musik-Recherche wie zu Faith No More, stieß ich auch auf das neue Album von Surfer Blood. Ein mehr oder weniger mittelmäßigere Band aus den USA, die gefällige Indie-Rock Nummern schreibt. Vergleicht man die Ideen für verzerrte Gitarren und Produktion mit Faith No More, müsste Faith No More, die als Wegbegleiter für Hinz und Kunz gelten, haushoch gewinnen. Tun sie aber nicht ansatzweise. Im Gegenteil. Surfer Blood sind nicht nur einfallsreicher was ihre verzerrten Gitarren angehen, sie sind auch geschickter im Produzieren und Mischen der Elemente.

Ein Armutszeugnis für Faith No More und „Sol Invictus“ und jeden Rezensenten, der jetzt Loblieder für dieses miese Album verfasst.

(2/10)

Mit einer halbherzigen Geste verabschiede ich mich heute neuerdings vom Konsum der sozialen Kanäle Twitter, diversen Weblogs – und bleibe bei meiner bereits seit einiger Zeit vorhandenen Verweigerungshaltung gegenüber Kommentaren unter Leitartikeln und den meisten Internetforen. Diese Geste ist halbherzig ausgeführt, jedoch ist dem gegenüber eine hoher Frustrationspunkt erreicht. Habe ich selbst als early adopter früh mit dem Konsumieren und Bedienen sozialer Kanäle begonnen, hat die Frustration über fehlende Stufen der Reflexion innerhalb dieser extrem zugenommen. Der Senf kommentiert den Senf und es gibt eigentlich gar keine Wurst mehr. So kann man das Ganze formulieren, mit einem Humorlevel, der den Witzen auf Twitter sehr gerecht wird. Ich glaube nicht mehr an die Gegenbewegung, die Twitter und Weblogs und Kommentare sein könnten. Zumindest nicht in der ersten Welt. Hier sind die Egos inzwischen zu groß, und die Profilneurosen zu verbreitet. Stattdessen werde ich fortan ein alter Furz werden, der von Büchern und Print schwärmt und den Untergang der kulturellen Welt in den digitalen Medien sieht. Ich kann mir einfach nicht den 34829. Blogbeitrag über die Lebens- und Weltgedanken einer Schreibergeneration durchlesen, die noch nie über den Rand ihres mit Fast Food gefüllten Tellers geschaut hat – obwohl alles sehr schnell verfügbar wäre. Helmut Schmidt hat mal davon gesprochen, dass er sich nicht mit Tagespolitik beschäftigen möchte, zu dieser Kategorie ist innerhalb der Politik aber auch anderer gesellschaftlich relevanter Kategorien der Stunden-, Minuten- und Sekundentakt hinzugekommen. Zu schnell und irrelevant für mich, meine kleine geistige Welt und Meinung, und mein kurzes Leben. Aktivismus und Aktionismus sind keine Instrumente des Widerstands mehr, sondern vom vorherrschenden Systemkatalog einverleibte Techniken der Relativierung vieler Bedeutungen geworden. Bleibt nicht viel mehr als sich auf einige alte Publikationswege zu konzentrieren, die in mancher Hinsicht noch einen Filter für relevante und durchdachte Meinungen aufweisen. Im Internet ist das nicht mehr der Fall, das Stimmengewirr zu laut und eben – ein Gewirr.